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    3.7.2025AQ 2778
    »Der Gefängniswärter sitzt selbst im Gefängnis.«
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    »Der Gefängniswärter sitzt selbst im Gefängnis.«

    Der Gefängniswärter darf lediglich am Abend zum Schlafen nach Hause und am Wochenende und zweimal im Jahr hat er Urlaub. Ansonsten sitzt er genauso im Gefängnis wie jeder Insasse auch. Das Einzige, was ihm freisteht, ist zu kündigen. Doch tut er das? Er wird ja gut bezahlt. Und er muss schließlich noch sein Haus abzahlen. Also kündigt er nicht. Er bleibt länger als die meisten Insassen. Und das Einzige, was ihn von den Insassen unterscheidet, sind ein paar Ideen und vielleicht ein Gefühl der Überlegenheit.

    Jetzt kommt etwas, das die meisten Menschen nicht hinbekommen: Stell dir vor, du bist Gefängnisinsasse. Vielleicht hast du Angst vor dem Gefängniswärter. Vielleicht beneidest du ihn. Und zwischendurch brauchst du ihn sogar. Da musst du dich dann mit ihm gut stellen. Ansonsten ist er aber dein Feind. Schließlich ist er derjenige, der dich gefangen hält. Ohne ihn wärst du frei. Er bestimmt dein Leben. Man könnte sogar sagen, er dominiert und beherrscht dich. Er bestimmt, was du tun darfst und was nicht. Dieses Beispiel kannst du noch nachvollziehen. Vielleicht auch deshalb, weil du gerade nicht in dieser Situation bist. Es ist ein bisschen zu theoretisch.

    In deiner erlebten Realität gibt es aber Herrscher, von denen du dich tatsächlich dominiert fühlst. Und bei denen kannst du dir nicht vorstellen, dass sie in der gleichen Situation sind wie du. Sie sind in der Situation des Gefängniswärters. Wir als betroffene Insassen interpretieren in sie alles Mögliche und Unmögliche hinein. Wir unterstellen ihnen Allmacht oder Allmachtsfantasien. Wir tun so, als hätten sie ihr Leben im Griff. Nur wir nicht. Und wir glauben deshalb, sie seien glücklich. Genau wie die Gefängnisinsassen glauben, der Gefängniswärter sei glücklich.

    Wir sind vollkommen überzeugt davon, dass es den Mächtigen besser geht als uns, den Ohnmächtigen. Wir interpretieren in sie einen gottähnlichen Status und Zustand hinein. Wir unterstellen ihnen, dass ihnen Herrschen Freude bereitet. Und wir sind zutiefst überzeugt davon, dass sie das alles nur für ihren persönlichen Vorteil machen. Und genau das denken sie vielleicht sogar. Es ist aber genauso wenig zu ihrem Vorteil, wie es zum Vorteil des Gefängniswärters ist, dass er sich für ein paar Papierscheine mit ins Gefängnis sperren lässt. Selbstverständlich gibt es auch glückliche Gefängniswärter und genauso gibt es glückliche Gefängnisinsassen.

    Es liegt also gar nicht an den faktischen Zuständen, wie es dir geht. Es liegt an deinem psychischen Zustand. Dummerweise sind wir konstant vom Gegenteil überzeugt: Wir glauben, dass unser psychischer Zustand ein direktes Ergebnis der aktuellen äußeren Zustände ist. Das ist schade, denn dadurch können wir unsere erlebte Realität nicht mehr richtig einschätzen. Und wir fühlen uns als Opfer der Umstände.

    Wir sind aber kein Opfer der jetzigen Umstände, sondern der früheren Umstände. Diese Umstände können nicht rückgängig gemacht werden und wir müssen lernen, was wir daraus machen. Außerdem schätzen wir dadurch auch die Welt der anderen falsch ein. Wir haben keinen Überblick, wie es funktioniert, weil wir nicht wissen, wie wir funktionieren.

    In dieser Welt steht an der Spitze kein Herrscher. Weder ein einzelner noch eine Gruppe. In dieser Welt steht etwas ganz anderes an der Spitze, aber nicht als übergeordnetes, dominierendes Element, sondern dadurch, dass es in jedem Einzelnen von uns existiert. Es existiert bei den Herrschern genauso wie bei den Beherrschten. Und es gibt keinen Bereich, zu dem es keinen Zugang hat, außer wir verwehren ihm diesen Zugang.

    Und genau das ist Spiritualität: Wir verwehren unserem Ego den Zugang. Dann erkennen wir auch, wie die Welt wirklich ist. Wir erkennen das Paradox von Gefängniswärtern und Gefängnisinsassen. So unterschiedlich ihre äußere Situation sein mag, so ähnlich ist ihre innere.