»Wenn du dich selbst wahrnimmst, musst du nicht mehr wahrgenommen werden.«
Die meisten Menschen leben in einem einzigen Wettstreit um Wahrnehmung. Sie wollen wahrgenommen werden, weil sie bedeutend sein wollen. Die Wahrnehmung durch andere gibt ihnen Bedeutung. Deshalb machen sie alles für andere und nichts für sich. Sie orientieren sich an den Vorgaben der Gesellschaft, an der Etikette und an den Erwartungen der anderen. Und das alles nur, weil sie sich selbst nicht wahrnehmen.
Wenn du dich selbst wahrnimmst, muss das niemand mehr für dich machen. Natürlich konnte das auch noch nie irgendjemand für dich machen. Aber wir haben halt so getan, als ginge das. Nicht umsonst sprechen alle davon, dass deine Bedürfnisse wichtig sind und dass du sie anderen gegenüber artikulieren musst. Doch das wichtigste Bedürfnis vergessen wir dabei. Und das nur, weil es kein derart drängender Wunsch ist. Wir können dieses Bedürfnis Jahrzehnte verdrängen und vergessen. Doch irgendwann drängt es nach oben. Es ist das Bedürfnis, uns selbst wahrzunehmen.
Wenn wir uns dieses Bedürfnis erfüllen, verschwinden alle anderen. Denn hinter der Wahrnehmung steht kein Bedürfnis mehr. Uns selbst wahrzunehmen ist die Erfüllung aller Bedürfnisse. Wenn du wirklich wahrnimmst, hast du keine Bewertung und kein Urteil über das, was du in dir wahrnimmst. Du kannst es so wahrnehmen, wie es tatsächlich ist. Nicht unbedingt frei von Schmerz, aber frei von Gedanken. Auf der Suche nach Wahrnehmung und Bedeutung durch andere vergessen wir das alles und wir verlieren uns dabei. Denn wenn wir auf andere schauen und auf andere warten, sind wir immer hoffnungslos verloren.
Diejenigen, auf die wir immer schauen können und auf die wir nie warten müssen, sind wir selbst. Das klingt so trivial, ist es aber nicht. Denn wenn wir beginnen, uns selbst wahrzunehmen, realisieren wir, was wir die ganze Zeit getan haben. Und diese Erkenntnisse sind mit Schmerzen verbunden. Für viele Menschen sind es die schmerzhaftesten Erkenntnisse, die sie haben können. Denn sie erkennen, dass sie sich selbst verleugnet haben. Sie haben ihre Wahrnehmung verleugnet, um von anderen wahrgenommen zu werden.
Diese Selbstwahrnehmung ist nicht unsere Meinung. Es ist nicht das, was wir über die Welt denken. Es ist das, was uns führt. Und die Führung geschieht immer über Gefühle. Eine andere Führung ist überhaupt nicht möglich. Wir sind nur so schnell in Gedanken, dass wir von dieser Führung nichts oder nur sehr wenig mitbekommen. Wir haben uns noch gar nicht wahrgenommen — da denken wir schon wieder.
Deine Wahrnehmung macht die Wahrnehmung durch andere überflüssig. Sie beendet damit dein kindliches Aufmerksamkeitsspiel. Du musst nichts Besonderes tun, um dich selbst wahrnehmen zu können. Um von anderen wahrgenommen zu werden, ist das dagegen meistens notwendig. Wir denken, wir müssten besonders sein, um wahrgenommen werden zu können.
Für die Aufmerksamkeit anderer mag das in den meisten Fällen stimmen. Für unsere eigene Aufmerksamkeit uns selbst gegenüber spielt es dagegen überhaupt keine Rolle. Unsere Wahrnehmung uns selbst gegenüber ist immer bedingungslos.
Und wenn du dich selbst wahrnimmst, fällt alles an seinen Platz.