»Der Algorithmus bevorzugt Gefälligkeit statt Wahrheit.«
Gefallen finden wir nicht nur an dem, was uns gefällt, sondern auch an dem, was wir ablehnen. Wenn sich der Algorithmus an unserer Gefälligkeit orientiert, dann bedeutet das auch, dass er sich an unserem Widerstand, an unserer Angst und an unserer Verunsicherung orientiert. Er orientiert sich an dem, womit wir uns beschäftigen oder womit wir uns beschäftigen sollen.
Das wird in nächster Zeit durch Künstliche Intelligenz noch zunehmen. Denn Künstliche Intelligenz ist derjenige Algorithmus, der sich noch besser an uns orientiert. Und je gefälliger wir behandelt werden, desto leichter sind wir zu manipulieren. Eine gefällige Behandlung bedeutet in diesem Zusammenhang wie gesagt nicht, dass alles immer positiv ist. Es bedeutet, dass das gesendet wird, was uns irgendwie erwischt. Ob positiv oder negativ spielt keine Rolle.
Die Regeln, die der Algorithmus vorgibt, werden von den Protagonisten übernommen. All jene, die Menschen erreichen wollen, orientieren sich am Algorithmus. Und somit wirst du mit dem gefüttert, womit du gefüttert werden sollst. Seit Neuestem macht das Software. Das Ego macht es schon immer so. Es ändert sich also gar nicht viel. Die Frage ist, ob du dich jenseits der Gefälligkeit berühren lassen kannst. Jenseits der positiven und jenseits der negativen Gefälligkeit.
Wenn du stattdessen auf Drama hereinfällst, dann wird Drama für dich inszeniert. Wenn du der Angst zum Opfer fällst, dann wird Angst für dich inszeniert. Es wird dir das geliefert, was dir gefällt. Selbst dann, wenn du behauptest, dass dir das gar nicht gefällt. Du hättest so gerne keine dramatischen Nachrichten mehr. Aber du beschäftigst dich mit ihnen und sie beschäftigen dich. So funktioniert das gesamte Spiel. Es geht dabei noch nicht einmal darum, ob du die Nachrichten konsumierst oder nicht. Es geht darum, was sie mit dir machen, was sie in dir auslösen.
Die gesamte Inhalteproduktion sowohl im Mainstream als auch im sogenannten alternativen Bereich ist auf Gefälligkeit ausgelegt. Die Aussagen werden immer extremer, sie werden immer stärker verkürzt und die Produzenten merken gar nicht, wie sie zum Spielball der Algorithmen und jetzt der Künstlichen Intelligenz geworden sind. Ganz im Gegenteil: Sie feiern diese neuen Möglichkeiten. Das Schlechte daran ist nicht die Nutzung, sondern der Antrieb.
Unser Antrieb sorgt dafür, dass wir verführt werden, Verführer zu sein. Es ist nicht mehr echt und es geht nur noch um die Effekte. Menschen können überhaupt nicht mehr pur wirken, weil sie viel zu viele Hintergedanken haben. Sie haben alles, was sie machen, mit einem Ziel verknüpft: Alles, was sie veröffentlichen, muss gut ankommen. Und falls es mal nicht gut ankommt, beginnen sie sofort mit Manöverkritik und machen das, was Algorithmen machen: Sie sortieren aus und behalten nur das, was gut funktioniert.
Die Absicht der Produzenten sorgt dafür, dass sie sich selbst nicht treu sein können. Und so verlieren sie sich selbst bei dem Versuch, gefällig zu sein.