»Unser Verstand wechselt in den Helfermodus — auch dann, wenn er gar nicht gefragt ist.«
Ungefragte Hilfe gehört zum Nervigsten, das es gibt. Und das liegt nicht an den Ratschlägen. Es liegt auch nicht daran, ob die Ratschläge richtig oder falsch sind, ob wir sie schon ausprobiert haben oder nicht. Und es liegt noch nicht einmal daran, ob wir für Ratschläge offen sind. Es liegt an etwas vollkommen anderem. Und das fällt uns bei uns nicht auf und deshalb auch bei den anderen nicht. Es liegt an der Übergriffigkeit, mit der diese Ratschläge daherkommen. Das ist vollkommen unabhängig vom Thema, von der Situation, von der Art des Problems oder vom Zeitpunkt: Was wir fühlen und was uns stört, ist die Übergriffigkeit des Ratgebers. Und die Übergriffigkeit des Ratgebers hat damit zu tun, mit wie viel Druck er diese Ratschläge gibt. Und das ist etwas, das merkt er meistens noch nicht einmal selbst.
Jeder von uns könnte das überprüfen, denn jeder von uns steht auch einmal auf der anderen Seite: Wir geben ungefragte Ratschläge und wir könnten währenddessen uns selbst überprüfen und beobachten, ob wir unter Druck stehen. Wenn nicht, stellt sich die Frage: "Warum muss ich diesen Ratschlag trotzdem geben? Was treibt mich an?" Die meisten Menschen antworten darauf: "Ich will doch nur helfen." Und alleine in dieser Rechtfertigung ist so viel Druck! Wer sagt, dass du helfen sollst? Wer sagt, dass deine Hilfe gerade willkommen ist? Wer sagt, dass deine Hilfe gerade richtig ist? Woher weißt du das? Tatsächlich hast du dich das nie gefragt. Denn du gibst diesen Rat aufgrund von Druck. Und der Druck verunmöglicht es dir zu reflektieren und genau nachzuschauen, warum du das jetzt gerade machen willst. Und da der Verstand aus dem, was ich jetzt gerade gesagt habe, wieder Blödsinn macht, sage ich dir: Das bedeutet nicht, dass du nie wieder helfen darfst.
Echte Hilfe ist meistens spontan. Oder jemand fragt dich: "Hey, hilfst du mir beim Umzug?" Doch auch dann kannst du nachschauen, ob du aufgrund von Druck reagierst und deshalb "Ja" sagst. Es gibt einfach diese Regeln nicht, die wir alle aufstellen. Zum Beispiel ist es gerade sehr populär, dass du "Nein" sagen lernen sollst. Doch darum geht es überhaupt nicht. Du musst weder "Ja" noch "Nein" sagen lernen. Du musst lernen, dich zu beobachten. Du musst herausfinden, ob du aufgrund von Programmen handelst, um deine Gefühle zu verdrängen. Und dann solltest du und musst du auch gar nicht alles sofort ändern. Das ist der Fehler des Verstandes. Er denkt, wenn er herausgefunden hat, wie es ist, dann muss er sofort alles über den Haufen werfen. Dann muss er endlich zu sich stehen und "Nein" sagen. Die meisten können das noch gar nicht.
Du bist erst am Beginn deiner Beobachtung und du musst es viele Male bewusst erleben, um daraus tatsächlich eine Veränderung ableiten zu können, die nicht aus dem Verstand kommt. Eine Veränderung aus dem Verstand verändert nicht deine Programmierung. Du kannst deine Programmierung und deine Gefühle eine Zeit lang unterdrücken. Das ist möglich. Aber im Kern hat sich dabei nichts verändert. Du musst erst herausfinden, wie es wirklich ist. Und du musst herausfinden, wie du wirklich bist. Und erst im Lauf der Zeit, für die meisten wahrscheinlich im Lauf der Jahre, wirst du herausfinden, wie du bist und warum du handelst und du wirst "Ja" oder "Nein" sagen können, weil sich in dir etwas verändert hat. Und du sagst dieses "Ja" und dieses "Nein" nicht mehr, weil du Gefühle verdrängen willst. Und du gibst auch keine Ratschläge mehr, um deine Gefühle zu verdrängen. Du gibst sie, wenn du gefragt wirst und du gibst sie, wenn es sich wirklich gut anfühlt. Dann kennst du den Unterschied zwischen einem Ratschlag aus dem Ego und aus der Liebe.
Das Ego ist ein Verdrängungsmechanismus. Und deshalb fühlen sich die meisten Ratschläge schlecht an. Wir können die unausgesprochene Ursache davon fühlen. Und diese Ursache liegt eben nicht darin, dass wir helfen wollen. Sie liegt darin, dass wir verdrängen wollen. Und wenn jemand zu dir sagt, dass er dir so gerne helfen möchte, dann fühlen viele Menschen, dass das nicht stimmt. Nicht weil du ihm unterstellst, dass er nicht helfen möchte, sondern weil du die Spannung zwischen der Aussage und dem wahren Grund fühlst. Und zwar selbst dann, wenn du den wahren Grund nicht kennst. Das ist überhaupt nicht notwendig, denn deine Gefühle sind schneller als deine Gedanken. Deine Gefühle sagen es dir schon, bevor du darüber nachdenken kannst. Du fühlst die Lüge, auch wenn es gar keine bewusste Lüge ist.
Und jetzt, an diesem Punkt entsteht ein neues Problem: Du willst das, was du jetzt gerade begonnen hast, zu durchdringen, denjenigen erklären, mit denen du dieses Problem hast. Mach das nicht. Das ist zum Scheitern verurteilt. Niemand will das hören. Niemand will, dass du ihm auf die Schliche kommst. Komm zuerst dir auf die Schliche, bevor du andere verändern möchtest.