»Tiefgründigkeit liegt nicht jenseits von Oberflächlichkeit, sondern in den tiefen Gründen für das an der Oberfläche.«
Es ist ein riesengroßes Missverständnis, dass Tiefgründigkeit das Gegenteil von Oberflächlichkeit ist. Dieses Missverständnis zieht sich durch alle Disziplinen. Es zieht sich durch die Wissenschaft, durch die Philosophie und vor allem durch die Spiritualität.
Menschen glauben, sie seien tiefgründiger, wenn sie beginnen zu philosophieren. Dabei realisieren sie nicht, dass ihre Philosophie rein theoretisch ist. Man könnte diese Form der Philosophie auch als Hirnfick bezeichnen. Viele philosophisch und spirituell orientierte Menschen lehnen Oberflächlichkeit ab. Oberflächlichkeit ist ihnen viel zu primitiv. Sie wollen sich nicht mit dem Banalen, mit dem Weltlichen beschäftigen. Das Materielle lehnen sie sowieso ab.
Doch genau das sind die Gründe, warum wir hier sind: das Banale, das Weltliche und das Materielle. Das Oberflächliche ist das, was wir erfahren können. Und wir denken, wir müssten etwas Besonderes daraus machen. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Oberfläche der Ausdruck alle tieferen Gründe ist. An der Oberfläche kommt das zum Vorschein, was tiefgründig ist. Das, was in der Tiefe wirkt, drückt sich aus und kommt zum Vorschein. Es wird sichtbar und hörbar, wie du in dir bist.
Eines meiner Lieblingsbeispiele ist ja Geld. Oberflächlich betrachtet geht es dabei um Weltliches und Materielles. Und es hat ganz sicher nichts mit Spiritualität zu tun. Sobald du dich aber darauf einlässt und dich in diesem Bereich entweder selbst herausforderst oder herausfordern lässt, merkst du, wie tiefgründig dieses Thema in dir ist und aus dir heraus an die Oberfläche wirkt. Am Anfang kannst du es noch mit deinen üblichen Strategien ganz gut übergehen, doch irgendwann bricht es aus dir heraus. Dann kommt die hässliche programmierte Fratze zum Vorschein.
Erst wenn alle unsere erlernten Strategien nicht mehr greifen, werden wir wirklich tiefgründig. Und das ist an der Oberfläche zu sehen. Da werden Menschen so tiefgründig, dass sie es an der Oberfläche nicht mehr verstecken können. Mit dieser Tiefgründigkeit wollen sich die meisten Menschen niemals beschäftigen. Sie fühlen sich zu sehr getriggert und sie können die Projektion nicht stoppen. Die Projektion, dass jetzt gerade außerhalb von ihnen jemand an diesem Trigger schuld ist.
Was dann unter Tiefgründigkeit verstanden wird, ist ein riesengroßer Fehler. Wir meinen nämlich, dass uns eine Erklärung weiterbringen würde. Wenn wir wissen, warum wir getriggert sind, wenn wir wissen, woher unsere Gefühle kommen, bekommen wir den Eindruck, ein Problem gelöst zu haben. Tatsächlich ist auch das ein Teil unserer alten Verdrängungsstrategie. Wir versuchen, anderen oder zumindest uns selbst gegenüber schlau zu erscheinen, um den Schmerz nicht fühlen zu müssen. Wir erklären dann ganz viel, sind damit aber überhaupt nicht tiefgründig, sondern oberflächlich. Oder besser gesagt: weiterhin verdrängend. Wir unterdrücken damit das, was an die Oberfläche kommen würde.
Was bedeutet das jetzt ganz konkret und praktisch? Es bedeutet, dass du dich mit den oberflächlichsten Themen beschäftigen solltest, um tiefgründig sein zu können. Es bedeutet, dass du mit den tiefsten Gründen sein kannst. Diese tiefsten Gründe sind keine Erklärungen, keine Gedankenmodelle und keine Philosophie. Die tiefsten Gründe haben keine echte Erklärung, aber sie drängen an die Oberfläche. Allerdings nur dann, wenn du die oberflächlichen Themen nicht verschmähst. Du könntest dich ganz im Gegenteil sogar mit diesen oberflächlichen Themen ganz besonders intensiv auseinandersetzen. Allerdings lieber nicht theoretisch, gedanklich und philosophisch, sondern indem du dich mit praktischen Situationen konfrontierst.
Die Theorie wird dir nicht helfen. Auch dann nicht, wenn du sie als tiefgründig empfindest oder bezeichnest. Die Theorie ist die tatsächliche Oberflächlichkeit. Sie ist das, was alle vermeiden wollen, die tiefgründig sind. Und dabei machen sie genau das, was sie vermeiden wollen: Sie bleiben an der Oberfläche, weil sie die tiefen Gründe vermeiden wollen.