»Dinge, die wir nicht können, schätzen wir als wertvoller ein, als Dinge, die wir können.«
Wenn uns etwas leichtfällt, gehen wir in den meisten Fällen davon aus, dass es allen leichtfällt. Genau genommen gehen wir davon nicht aus, wir setzen es vollkommen unbewusst voraus. Und so schätzen wir nicht, was wir können. Und zwar im doppelten Sinn: Wir wertschätzen es nicht und wir können den Wert für andere nicht einschätzen. Uns fällt meistens nur das auf, was wir nicht oder nicht so gut können.
Und so kommen wir immer wieder zu diesem Wahnsinn zurück, indem wir denken, wir müssten an unseren Schwächen arbeiten, statt unsere Stärken zu leben. Unsere Stärken fallen uns nicht als solche auf. Zusätzlich wurde uns ausgeredet, unserer Freude und dem zu folgen, was uns leichtfällt. Und da uns andere die ganze Zeit sagen, was wir nicht gut können, entwickeln wir die Idee, dass uns andere auch sagen müssten, was wir gut können.
Falls du mir nicht glaubst, genügt es, wenn du einmal ins Fernsehprogramm schaust. Dort findest du eine Castingshow nach der anderen. Wenn du dort hingehst, sagen dir andere, ob du Talent hast, wie gut du bist und an welchen Schwächen du noch arbeiten musst. Ich verstehe, dass Bestätigung zwischendurch ganz gut tut. Wenn du jedoch davon abhängig bist, dann tut sie irgendwann überhaupt nicht mehr gut. Außerdem ist Bestätigung der falsche Antrieb.
Du musst die Bestätigung in dir fühlen, während du das tust, was du gerne tust. Wenn du dazu die Einschätzung von anderen brauchst, dann machst du nicht das Richtige. Glaubst du wirklich, dass es anderen nicht auffällt, was du kannst und dass du etwas kannst, wenn du es langsam präsentierst? Was spricht gegen eine langsame Entdeckung deiner Talente? Und was spricht gegen eine langsame Entwicklung deiner Talente? Was, wenn "langsam" viel gesünder ist? Langsam kannst du dich daran gewöhnen. Langsam kannst du dich entwickeln. Langsam kannst du auch Rückschläge verkraften. Und langsam verlierst du nicht die Bodenhaftung.
Gerade in den musikalischen Castingshows gibt es so viele unfassbar gute Talente. Die meisten von ihnen sind nur sehr, sehr kurz im Rampenlicht und verschwinden dann ganz schnell wieder. Kaum jemand bekommt mit, wie sie hinter den Kulissen abstürzen und nie wieder Fuß fassen. Was ist wertvoller? Kurzzeitig ein Star zu sein oder dein Leben lang das machen zu können, was du gerne tust? Dem Erfolg hinterherzujagen und von einer Show zur nächsten geschoben zu werden? Oder dich langsam, aber stetig entwickeln zu können? Dich anzupassen und das zu tun, was dir andere vorgeben oder unabhängig und frei zu sein?
Wenn die Maschine mal angelaufen ist, ist sie nur schwer zu stoppen. Du brauchst dann schon einen Burnout, damit du aufhörst und damit auch andere einverstanden sind, wenn du eine Pause machst. Denn du bist zu lukrativ geworden, als dass man auf dich verzichten möchte. Wenn du in diesem Hamsterrad mal drin bist, dann weißt du auch nicht mehr zu schätzen, was du kannst. Es geht nur noch darum, dass du funktionierst.
Und während du jetzt vielleicht die ganze Zeit an die großen Dinge, die großen Shows gedacht hast, gilt das Gleiche für deine kleine Show, für dein Leben. In diesem Leben funktionierst du auch für andere. Du passt dich an, damit sie zufrieden sind. Du lässt dir von ihnen sagen, dass du an deinen Schwächen arbeiten solltest und weder du noch die anderen wissen zu schätzen, was du kannst. Das, was du nicht kannst, wird von allen als wertvoller eingeschätzt, als das, was du kannst. Einfach deshalb, weil die Menschen auf Mangel programmiert sind.
Wir tun uns leichter, uns auf den Mangel zu konzentrieren als auf die Fülle, also das, was bereits hier ist. So halten wir uns selbst und uns gegenseitig in unserem geringen Selbstwert gefangen. Jetzt verstehst du auch, warum die Gegenbewegung nicht sehr viel mehr bringt und nicht sehr viel besser ist. Dich als besonders zu feiern löst die Mangelprogrammierung nicht auf.
Deine Stärken zu leben verändert etwas. Und zwar ohne an den Gedanken oder deinen Gefühlen zu arbeiten. Es verändert sich von selbst, weil du zu schätzen beginnst, was du kannst. Und vor allem deshalb, weil diese Wertschätzung nicht im Kopf stattfindet, sondern in deiner täglichen Praxis.