»Klarheit macht Sozialismus überflüssig.«
Wenn du weißt, was du willst, brauchst du niemanden mehr, der es dir gibt. Solange du nicht klar bist und nicht wirklich weißt, was du willst, entwickelst du alle möglichen und unmöglichen Ansprüche und erwartest, dass es dir von anderen gegeben wird.
Das muss so sein, denn deine Ansprüche sind beliebig. Du kannst deinen Mangel auf alles projizieren, was dir gerade in den Sinn kommt. Dann hättest du gerne mehr von dem und mehr von jenem und ein bisschen was zumindest von dem anderen noch. Und es gibt mindestens noch zehn Dinge, die du gerne hättest. Und so kannst du dich niemals auf eine Sache konzentrieren. Und dadurch schaffst du es nicht einmal, eine einzige Sache aus eigener Kraft zu erreichen.
Viele Menschen fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt, dass sie etwas alleine erreichen sollen. Zu oft haben sie die Erfahrung gemacht, dass sie es nicht erreichen können. Und zu selten haben sie reflektiert, ob vielleicht ihre Ansprüche etwas zu hoch gesteckt waren. Entweder ihre Ansprüche an sich selbst oder auch ihre Ansprüche an andere. Höhere Ansprüche an andere zu haben als an sich selbst ist einfach. Mit gutem Beispiel voranzugehen unfassbar viel schwieriger.
Im Fall des Scheiterns lassen viel zu viele Menschen ihre Enttäuschung sprechen. Dadurch realisieren sie nicht, dass alleine der Versuch schon einen immensen Wert hat. Sie nehmen nicht wahr, dass ein Scheitern wertvoller ist als ein Erfolg, dass man bei einem Fehlversuch mehr lernt als bei einem erfolgreichen Versuch.
Sozialismus ist genau genommen der Versuch, Scheitern auszuschließen. Dadurch verschließt du dich dem Lernen gegenüber. Du willst nichts Neues erfahren, weil es zu schmerzhaft wäre. Also müssen andere für dein Wohlergehen sorgen. Wir hätten es dann gerne auch auf dem Silbertablett serviert, ohne eigene Anstrengung und damit ganz sicher nicht als Hilfe zur Selbsthilfe.
Mit Hilfe des Sozialismus wollen wir den Lern- und Wachstumsprozess eliminieren. Hauptsache von unserer Seite ist kein Aufwand und keine Anstrengung notwendig. Wir fühlen uns sowieso schon so hilflos und wollen durch andere nicht auch noch darauf hingewiesen werden. Deshalb soll alles leicht, einfach und bequem sein.
Diejenigen, die dich vom Sozialismus überzeugen wollen, bieten dir genau das an: Einfachheit, Bequemlichkeit und Sicherheit. Es genügt, wenn du einfach nur kurz hier zustimmst, dabei auf ein paar komplizierte Rechte verzichtest und es dir einfach einfach machst. Was du auf jeden Fall vermeiden solltest, ist, dir klar zu werden, was du willst. Denn sobald du klar bist, hast du ganz klare Prioritäten. Diese Prioritäten sind dann nicht mehr verhandelbar. Konkret bedeutet das, dass du nicht mehr verführbar bist.
Deine Klarheit macht dich unmanipulierbar. Im Bereich deiner Klarheit bist du nicht mehr bereit und in der Lage, Kompromisse zu machen. Jetzt weißt du auch, warum es dir beigebracht wurde, dass Kompromisse etwas Positives sind. Kompromisslos bist du nicht mehr steuerbar. Du bist bereit, alle sogenannten Nachteile zu diesem einen Vorteil deiner Klarheit hinzunehmen. Deine Klarheit ist dir wichtiger als die Nachteile, die dir daraus entstehen könnten.
Jetzt weißt du auch, warum die Einteilung in Kapitalisten und Sozialisten vollkommen falsch ist. Es ist eine äußere Auswirkung einer inneren Haltung, die mit diesen Worten vollkommen unzureichend beschrieben ist. Und gleichzeitig werden diese Worte wie "Kapitalismus" oder "Sozialismus" ständig emotional aufgeladen mit Gefühlen, die mit diesen Worten gar nichts zu tun haben. Deshalb ist auch jede öffentliche Diskussion in diesem Bereich ein einziger pawlowscher Reflex. Es sind unzählige Trigger aneinandergereiht, die eine Übersprungshandlung, einen Übersprungsgedanken und ein Übersprungsgefühl nach dem anderen auslösen.
Wir diskutieren über Dinge, von denen wir keine Ahnung haben, weil wir nicht bereit sind zu fühlen. Wir wollen nicht zugeben, dass wir unklar sind und uns deshalb Hilfe von außen erwarten. Wir wollen nicht zugeben, dass wir verwirrt wurden und jetzt andere verwirren, nur um selbst nicht klar sein zu müssen und uns weiterhin irgendwie durchzumogeln. Wenn du weißt, was du willst, musst du dich nicht mehr durchmogeln. Denn selbst wenn du scheiterst, erkennst du das als Wert. Und dieser Wert wird auch für andere wertvoll. Dadurch ist Scheitern bei Klarheit ausgeschlossen. Du holst deine Anspruchshaltung zu dir zurück. Somit lebst du Sozialismus an dir statt an den anderen aus.
Sozialismus, den du an dir selbst auslebst, ist aber kein Sozialismus, sondern Eigenverantwortlichkeit und Selbsteigentum. Und das ist das, was wir als "Kapitalismus" bezeichnen, aber nicht so leben.