»Das schlechteste Gesundheitssystem: Patienten, die nicht einsehen wollen, dass sie etwas verändern müssen und Ärzte, die nicht zugeben können, dass sie etwas nicht wissen.«
Umgekehrt gilt: Das beste Gesundheitssystem: Patienten, die verstehen, dass sie etwas verändern müssen und Ärzte, die zugeben können, dass sie etwas nicht wissen.
Wenn das der Fall wäre, wären alle entspannt. Die Patienten würden ihre Ärzte nicht stressen und die Ärzte würden ihre Patienten nicht stressen. Es wäre von einem Tag auf den anderen menschlich und deshalb entspannt. Niemand müsste mehr vorgeben, besser zu sein, als er ist. Und sowohl Patienten als auch Ärzte könnten zugeben, dass sie versagen, dass sie es nicht schaffen.
Und verrückterweise würde aus diesem Eingeständnis keine Schwäche entstehen, sondern Stärke. Also genau das, was wir mit unserem bisherigen Verhalten versuchen künstlich zu erzeugen. Tatsächlich versuchen wir natürlich nur, mit unserem Verhalten unsere Schwächen zu kaschieren. Schwächen, um deren Existenz wir sehr genau Bescheid wissen, wenn wir wollen.
Patienten wissen, dass es ihnen schwerfällt, ihr Leben zu verändern. Sie wissen, dass sie sich nicht an die Ratschläge der Ärzte halten. Die Ärzte wissen das natürlich auch. Was den Patienten zum Teil zumindest nicht ganz so klar ist, ist die Tatsache, dass die Ärzte nicht verantwortlich für ihre Gesundheit sind. Das ist die Aufgabe der Patienten.
Da viele Patienten aber all ihre Hoffnungen in die Ärzte legen, kann das bei Ärzten zu genau dem Druck führen, der dazu führt, dass viele Ärzte versuchen, perfekt zu erscheinen. Viele von ihnen würden ja auch gerne helfen, aber im Laufe der Jahre erkennen sie natürlich auch ihre Grenzen. Außerdem ist es natürlich auch verführerisch, in den Augen der Patienten eine große Bedeutung zu haben.
Die meisten Patienten und Ärzte können sich gegenseitig nicht sehen. Sie können nicht wahrnehmen, in welcher Situation sich der jeweils andere befindet. Viele Ärzte hatten die Krankheit, die ihre Patienten haben, noch nicht. Sie wissen nicht, wie es sich anfühlt, diese Krankheit zu haben. Weder auf der emotionalen noch auf der körperlichen Ebene. Sie haben meistens auch keine Erfahrung mit der Odyssee, die ihre Patienten bereits hinter sich haben.
Die besten Ärzte sind jene, die die Verzweiflung der Patienten selbst schon einmal gefühlt haben. Das heißt nicht unbedingt, dass sie besser helfen können auf der körperlichen Ebene, aber sie können sich besser einfühlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Psychiater, der selbst bereits eine Depression hatte, anders mit Depressiven umgeht als ein Psychiater, der noch keine Depression hatte, ist groß.
Auf der anderen Seite können die Patienten nicht sehen, unter welch immensen Druck die Ärzte stehen. Sie kennen das System nicht, wie es aufgebaut ist, wie es funktioniert und wie es vor allem die Ärzte unter immensen Druck setzt. Sie kennen die Demütigungen im Studium nicht. Sie kennen die Unterdrückung in den ersten Jahren nicht. Und sie kennen den Druck nicht, der durch die Geschäftsführung selbst auf Oberärzte und Chefärzte ausgeübt wird. Es ist kein Gesundheitssystem. Es ist ein krankes System.
Kein Arzt dürfte zwölf Stunden Schichten haben, von mehr ganz zu schweigen. Ein Arzt dürfte noch nicht einmal jeden Tag mit Kranken zu tun haben. Und das wäre erstaunlicherweise im Sinne des Patienten. Er müsste die Möglichkeit haben, sich mit Gesunden zu umgeben. Einfach nur als Ausgleich. Und das müsste Teil seines Jobs sein. Patienten und Ärzte müssten erkennen, dass sie sich gegenseitig verheizen. Und zwar durch unmenschliche Stereotype und Vorurteile.
Nicht jeder Arzt ist Millionär und nicht jeder Patient ist unwillig, etwas zu verändern. Die meisten haben keine bösen Absichten, sind aber einfach blockiert. Und für diese Blockaden gibt es natürlich unzählige Gründe. Einer der wichtigsten ist, dass wir denken, etwas vorgeben zu müssen. Wir wollen etwas vorgeben, um auf eine bestimmte Art und Weise zu erscheinen. Wir denken, das gehört sich so und das macht man so.
Und natürlich prallen auch zwei Welten aufeinander: die Welt der Routine und die Welt der Verunsicherung. Es ist relativ leicht, eine Routine zu entwickeln, wenn man etwas als Arzt täglich macht. Für die meisten Patienten ist es das erste Mal. Gleichzeitig ist es auch wichtig für die Patienten zu erkennen: Niemand kann ihnen ihre Angst nehmen. Angst und Ohnmacht sind die grundlegenden Gefühle bei Krankheit. Und für diese Gefühle sind nicht die Ärzte verantwortlich, sondern die Patienten selbst.
Beide Seiten können in diesem Prozess Hingabe üben. So wird aus einem kranken System ein Gesundheitssystem.