»Unser Konflikt, nicht wahrhaben zu wollen, wie es wirklich ist, ist die Grundlage für Sucht.«
Wenn wir nicht wahrhaben wollen, wie es ist, müssen wir uns ablenken und die beste Ablenkung, die wir jemals gefunden haben, sind Süchte. Wir überdecken ein Problem mit einem größeren Problem, das uns davon ablenkt, uns mit etwas beschäftigen zu müssen. Wir wollen uns nicht mit uns selbst beschäftigen und beschäftigen uns lieber mit Substanzen oder Verhaltensmustern.
Jeder Mensch, der wahrnehmen kann, wie es für ihn wirklich ist, beendet im Lauf der Zeit jede Sucht. Genau genommen beendet er sie nicht, er macht sie überflüssig. Er hat ihren Zweck beendet und das ist die einzige Möglichkeit, eine Sucht tatsächlich zu beenden. Härte sich selbst gegenüber für die Beendigung einer Sucht einzusetzen, kann maximal zeitweise funktionieren. Denn Härte sich selbst gegenüber hat ja zu der Sucht geführt. Wir wollten hart sein. Wir wollten die Gefühle vergraben. Wir wollten das nicht wahrnehmen und wahrhaben, was in uns schlummert. Kurzum: Wir wollten unseren Schmerz nicht fühlen.
Es geht deshalb nicht darum, mit neuer Härte auf diese Gegenbewegung zu reagieren. Es geht nicht darum, dich zu verurteilen, dich als schlecht und falsch hinzustellen. Es geht nur darum, in aller Güte und Milde zu realisieren, wie es wirklich ist. Es kann sehr hilfreich sein, wenn dir andere Menschen diese Güte und Milde auf deinem Weg entgegenbringen. Letztendlich musst du das selbst tun. Niemand kann dir gegenüber so milde, gütig und gnädig sein wie du selbst. Und wenn du milde dir selbst gegenüber bist, lernst du langsam, aber sicher, dass du alles wahrnehmen und alles wahrhaben kannst, wie es ist. Denn du brauchst dich dann nicht mehr vor dir selbst verstecken.
Wir denken oft, wir machen das für die Gesellschaft, um zu funktionieren oder zumindest funktionierend zu erscheinen. Tatsächlich machen wir das hauptsächlich vor uns selbst. Wir sind der Grund dafür. Unsere Selbstverurteilung ist der Grund dafür. Wir glauben, wir seien schlecht, weil man uns das gesagt hat. Nur deshalb wollen wir nicht wahrhaben und wahrnehmen, wie es wirklich ist. Wir kämen dann nämlich zusätzlich in Konflikt mit den anderen, die der Meinung sind, wir seien das Problem.
Süchte sind nicht körperlich. Besser gesagt: Süchte sind nur auf der Ebene körperlich, auf der auch Gefühle körperlich sind. Dort gibt es die Verbindung. Und sobald du diese Verbindung herstellen kannst, fallen deine Süchte schneller weg, als du "Piep" sagen kannst. Und zwar selbst dann, wenn das grundlegende Verhalten oder die Substanz bleibt.
Sobald du wahrhaben kannst, wie es ist, ist die Grundlage für Sucht weggefallen.