»Unsere größte Krankheit ist es, jede Abweichung als Krankheit zu definieren.«
Wir messen alles gegen unsere sogenannte Normalität. Was wir für normal halten, muss so sein. Wir dulden keine Abweichung von dieser Normalität, obwohl wir alle von dieser Normalität abweichen. Und jede Abweichung definieren wir als Krankheit.
Dabei gibt es für jeden Menschen sehr viele verschiedene Dinge und Bereiche, in denen er etwas nicht kann, kein Talent hat oder hart ausgedrückt unfähig ist. Der eine kann nicht so gut rechnen, der andere kann nicht gut schreiben, wieder ein anderer kann nicht malen und ein weiterer kann nicht gut lesen. Und nur weil wir bestimmte Fähigkeiten für notwendig halten, definieren wir ihre Abwesenheit als Schwäche oder sogar als Krankheit.
Was wir für notwendig halten, ist aber nur unsere unüberprüfte Meinung, unsere Überzeugung ohne Grundlage, weil ohne eigene, bewusst erlebte Erfahrung. Jemand, der mit den Buchstaben kämpft, ist dann dyslektisch. Jemand, der mit Zahlen nicht klarkommt, hat dann Dyskalkulie. Und wir tun dann so, als wären das Krankheiten. Wir tun nur deshalb so, weil wir dazu neigen, mit der Realität zu streiten. Wir versteigen uns in den Wahn, alles manipulieren und verändern zu können.
Und verrückterweise leben wir diesen Wahn vorzugsweise an anderen statt an uns aus. Wir schreiben also den anderen vor, was sie können müssten und was sie noch lernen müssen. Und das nur, weil wir uns in Angstszenarien verlieren. Angstszenarien, die aus einer Abweichung eine Krankheit machen. Verrückterweise ist auch die positive Variante dieser Eigenart nicht wirklich hilfreich.
Weißt du schon, was ich meine? Halte mal kurz inne. Was ist die positive Variante dieser Eigenart? Ganz genau: Talente im anderen zu erkennen. Auch das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigenen Talente zu erkennen. Und unsere Aufgabe ist es auch zu erkennen, was wir nicht gut können oder nicht gerne machen. Denn nur wenn wir das wissen, können wir andere um Hilfe bitten.
Doch in erster Linie geht es darum, herauszufinden, was du gut und gerne machst. Das heißt nicht, dass du ignorieren sollst, was du nicht kannst. Es ist kein Problem zu wissen, worin du nicht gut bist. Denn nur wenn du das weißt, kannst du dich auch entsprechend entscheiden, was du machen willst und was nicht.
An deinen Schwächen zu arbeiten, macht nämlich erst dann Spaß, wenn du eine Stärke gefunden hast, die von der Arbeit an deinen Schwächen profitiert. Lass dir diesen Satz auf der Zunge zergehen! An deinen Schwächen als Selbstzweck zu arbeiten, ist vollkommen sinnlos. Denn du findest immer mehr Schwächen im Vergleich zu anderen, als du Stärken bei dir findest. Es gibt einfach so viel, was du können könntest. Und deshalb gibt es eben auch so viel, was du nicht kannst.
Ein Problem ist das erst dann, wenn wir ein Problem daraus machen. Und wir machen ein Problem daraus, weil alle anderen ein Problem daraus machen. Sie sagen dann, sie hätten Angst um dich. Sie haben Angst, weil du nicht gut lesen kannst. Aber was, glaubst du, wäre, wenn du stattdessen einer der besten Maler der Welt bist?