»Bevor du jemanden beruhigst, frage dich, ob er wirklich unruhig ist oder ob du in Wahrheit dich selbst beruhigen willst.«
Ich spiel gleich am Anfang den Spielverderber: Du willst immer nur dich selbst beruhigen. Wenn nicht, brauchst du andere auch nicht beruhigen. Dann bist du im Frieden mit ihrer Unruhe, die Unruhe in dir auslöst. Natürlich kannst du auch den anderen fragen, ob er wirklich unruhig ist. Doch wenn er das dann bestätigt, fühlst du dich ja bestätigt, ihm zu helfen. Da stoppt dann dein Forschergeist. Dein Verstand hat ja jetzt eine Begründung gefunden. Und er realisiert gar nicht, dass du selbst mit Unruhe in Frieden fallen könntest.
Natürlich ist das nicht einfach und natürlich wollen wir die Unruhe so schnell wie möglich loswerden. Doch das sorgt ja nur dafür, dass wir sie nie wahrnehmen. Und so bleibt uns immer wieder nur, sie zu verdrängen. Und weil wir Unruhe bei uns selbst verdrängen, können wir auch anderen nicht helfen, die unruhig sind. Wir wissen ja gar nichts über unsere eigene Unruhe. Wir haben sie nie untersucht. Und wenn unser einziges Ziel die Beruhigung des anderen ist, damit wir keine Unruhe fühlen, dann arbeiten wir immer mit unlauteren Methoden. Wir wollen dem anderen ja gar nicht helfen. Wir wollen uns selbst helfen. Und deshalb ordnen wir alles unserer Selbsthilfe unter. Wir haben den anderen gar nicht mehr im Blick. Und wir haben nur ein einziges Ziel: Endlich Ruhe!
Statt dem anderen dabei zu helfen, ruhig zu werden, sollten wir uns selbst dabei helfen. Zum Beispiel, indem wir das Gespräch abbrechen oder vielleicht sogar den Raum verlassen. Das ist auf jeden Fall ehrlicher. Dadurch setzen wir bei uns, also an der Wurzel, an, statt den anderen zu manipulieren. Denn selbst wenn wir es nicht merken, was wir machen, die anderen merken es, auch dann, wenn sie es nicht merken. Sie fühlen sich nämlich unter Druck gesetzt. Sie fühlen die Erwartungen hinter unseren Worten. Und sie nehmen das alles auch dann wahr, wenn sie selbst oder wir glauben, sie würden es nicht wahrnehmen.
Es ist übrigens immer eine unangenehme Energie, wenn wir jemand helfen wollen, der gar nicht darum gebeten hat. Wir alle kennen es auch aus der anderen Perspektive: Dass uns Menschen helfen wollen, die wir gar nicht darum gebeten haben. Und obwohl wir wissen, wie unangenehm sich das anfühlt, machen wir es trotzdem bei anderen.
Ich habe das in den letzten Monaten sogar von spirituellen Coaches erlebt, die in der Öffentlichkeit darüber sprechen, was Übergriffigkeit ist und dass man bei sich statt beim anderen schauen soll. Genau von denen habe ich lange Vorträge bekommen. Ich wollte mich einfach nur privat mit ihnen treffen. Und plötzlich holen sie ihre Vortragsfigur heraus, erklären mir, wie ich zu leben hätte, ohne mich ein einziges Mal zu fragen, wie es mir geht. Und vor allem, ohne zu fragen, ob ich überhaupt einen Ratschlag möchte. Ich wollte nämlich keinen, weil ich weiß, dass sie mir nicht helfen können. Dafür bin ich selbst zuständig. Außerdem haben sie viel zu wenig Fragen gestellt, als dass sie meine Situation auch nur annähernd einschätzen hätten können. Ich wusste dann wieder, warum sich unsere Wege getrennt hatten.
Wenn dich jemand nicht darum bittet, ihm zu helfen oder ihn zu beruhigen, dann lass es sein. Lass ihn sein, wie er ist und lass dich sein, wie du bist. Das ist am Anfang überhaupt nicht einfach und das muss es auch nicht sein. Wenn es einfach wäre, würden es alle machen und diese Welt wäre eine vollkommen andere.
Da ich weiß, wie unser Verstand tickt und was er aus Worten machen kann, habe ich eine kleine Einschränkung für dich: Nein, es ist nicht hilfreich, wenn du ab sofort jeden fragst, ob du ihm überhaupt helfen sollst. Alleine diese Frage entspringt schon der Überheblichkeit. Du weißt nämlich gar nicht, ob du ihm überhaupt helfen kannst. Und wenn jemand nicht von sich aus fragt: Warum solltest du es anbieten? Und was ist das denn für eine Freundschaft, wenn einer von beiden Lehrer spielen will?
Genau das ist der Grund, warum ich mit meinem Lehrer nie befreundet sein wollte. Ich weiß zwar, dass ich die verschiedenen Rollen auseinanderhalten hätte können, aber es gab überhaupt keinen Impuls, mich überhaupt in diese Lage zu bringen. Mir war das viele Jahre überhaupt nicht bewusst, aber bei den meisten Menschen dreht das Ego bei verschiedenen Rollen vollkommen durch.
Spiel also nicht Lehrer bei deinen Freunden und sei ein echter Freund.