»Wenn es Narzissten gibt, gibt es auch diejenigen, die sich von Narzissten angezogen fühlen. Dies als Fehler zu sehen, ist töricht.«
Wenn eine Sau einmal erfolgreich durchs Dorf getrieben wurde, dann hören wir damit nicht mehr auf. Und so sprießen die Narzissmus-Experten wie Pilze aus dem Boden. Sie beschäftigen sich fast ausschließlich mit der Seite des Narzissten. Und der ist natürlich immer der andere. Sie machen also genau das, was so oft gemacht wird: Sie schauen bei den anderen statt bei sich.
Und alleine die Tatsache, dass ich das ausspreche, sorgt für den automatischen Reflex, dass ich auch ein Narzisst sein muss. Wenn der Verstand einmal auf das neue Narrativ programmiert ist, kommt nichts mehr dagegen an. Die Psychologie ist voll von dem Versuch, andere zu analysieren. Das kann ganz nett sein, oft ist es unterhaltend. Manche Redner machen da eine regelrechte Show daraus und touren mit einem Programm durch das ganze Land.
Es ist auch nicht verkehrt, etwas in anderen zu erkennen. Doch solange ich es nicht mindestens genauso in mir erkenne, bleibe ich immer auf einem Auge blind. Unser Problem dabei ist, dass wir es als Schuld oder Eingeständnis von Schuld sehen, sobald wir etwas bei uns entdecken können. Wir sind das einfach so gewohnt. So wurde es uns beigebracht. Wenn wir etwas, sogenannt Negatives, an uns selbst entdecken, dann ist es schlecht. Und deshalb müssen wir es bekämpfen. Die Alternative ist: Es vorbehaltlos zu erleben. Psychologie ist: Es in anderen erkennen zu können und zu wissen, was sie ändern müssten. Spiritualität ist: Es in dir selbst zu erkennen und es bewusst zu erleben.
Die meisten Menschen verstehen unter bewusstem Erleben, dass sie irgendwann mal sagen müssen: "Jetzt reicht's mir aber!" Und genau das ist der Punkt, an dem sie scheitern. Nicht, weil sie es nicht sagen, sondern weil sie es sagen. Und weil sie es sagen, erkennen sie nicht, was in diesem Moment in ihnen geschieht: In diesem Moment ist kein Ende erreicht, zumindest nicht dasjenige Ende, von dem wir meinen, zu sprechen. Es ist das Ende unserer Fähigkeit zu fühlen erreicht. Es geht überhaupt nicht darum, ob du bei einem Narzissten bleibst oder ihn verlässt. Es geht darum, ob du deine Fähigkeit zu fühlen, also deine Körperempfindungen wahrzunehmen, erweiterst oder nicht.
Wie verhält es sich also nun mit Narzissten und jenen, die sich von ihnen angezogen fühlen? Die weitverbreitete Sichtweise ist, dass ein Narzisst hintertückisch ist, ganz fiese Tricks anwendet, um dich massiv zu manipulieren. Und das geschieht natürlich alles in seinem Ego. Und er manipuliert dich, einen herzensguten Menschen, der keiner Fliege was zuleide tun kann und der wegen des Narzissten extrem leiden muss. Und an diesem Punkt habe ich jetzt schlechte Nachrichten für die gesamte Anti-Narzissten-Szene: Der Narzisst ist in euch. Er ist in euch genauso wie im Narzissten. Er ist in mir und er ist in dir. Und genauso verhält es sich mit dem Opfer des Narzissten: Dieses Opfer ist in mir und es ist in dir. Unterschiedlich ausgeprägt in unterschiedlichen Anteilen und mit verschiedenartiger Gewichtung in verschiedenen Lebensbereichen.
Und da komme ich jetzt zu einem Punkt, bei dem sich Menschen verschiedener Szenen unglaublich schwer tun: Die Spirituellen meinen, sie müssen alles nur noch in sich selbst erkennen und sie dürfen nichts mehr ansprechen, was ihnen außerhalb von ihnen auffällt. Die Anti-Gruppierungen machen genau das Gegenteil: Die kümmern sich nur darum, was der andere macht. Und nur die allerwenigsten schaffen es, beides zusammen zu bekommen. Die einen versuchen, ihre Gefühle zu unterdrücken durch Ignorieren und die anderen unterdrücken ihre Gefühle, indem sie die anderen beschimpfen oder zumindest wütend auf sie sind.
Dabei spricht überhaupt nichts dagegen, zu erkennen, wie sich die anderen verhalten. Und mehr noch: Erst wenn du es wirklich erkennst, wie sie sich verhalten und wenn du wirklich merkst, dass dir das nicht gut tut und wenn du dann auch noch alle Gefühle fühlen kannst, erst dann wirst du eine klare Entscheidung treffen. Vorher bist du und bleibst du der Spielball deiner Gefühle und anfällig für Manipulation. Wer dich da manipuliert, ist nicht der Narzisst. Das machst du selbst. Du machst es, weil du bestimmte Aspekte noch nicht wahrhaben willst. Das ist auch vollkommen in Ordnung.
Doch damit kommen die Menschen nicht klar. Sie können sich nicht vorstellen, dass es auch in Ordnung sein kann, etwas noch nicht komplett erfasst zu haben. Entwicklungen brauchen aber ihre Zeit und komplett entwickelt ist es erst dann, wenn aus Trotzigkeit und Widerstand vollkommene Klarheit geworden ist.