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    15.5.2025AQ 2729
    »Moral geht immer von innen nach außen, nie umgekehrt.«
    0:008:42

    »Moral geht immer von innen nach außen, nie umgekehrt.«

    Eine erzwungene Moral ist keine. Jede von außen oktroyierte Moral ist nicht echt. Sie ist maximal eine Ersatzmoral und sie ersetzt das, was ursprünglich bereits vorhanden war. Das bedeutet, sie überschreibt die ursprüngliche Moral und setzt sich an ihre Stelle, während sie so tut, als wäre sie die Moral höchstpersönlich. Tatsächlich ist es etwas Antrainiertes, etwas Programmiertes. Die ursprüngliche Moral war schon in dir, bevor es einen gab oder einer kam, der dir gesagt hat, was angeblich moralisch ist, was jetzt notwendig, richtig und hilfreich wäre.

    Moralpredigten halten nur diejenigen Menschen, die selbst ein gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Moral haben. Sie trauen genau das anderen auch nicht zu, was sie zugunsten von Obrigkeitshörigkeit in sich selbst verdrängt haben. Für Moralpredigten empfänglich sind auch nur jene, die selbst ein gestörtes Verhältnis zu ihrer ihnen innewohnenden Moral haben. Sie fühlen sich verunsichert und erhoffen oder wünschen sich sogar äußere Führung. Nicht weil sie diese bräuchten, sondern weil sie es so gewöhnt sind.

    Die Moral war übrigens auch schon in dir, bevor es einen Staat mit seinen Gesetzen gab. Gute Menschen ignorieren schlechte Gesetze und mit "guten Menschen" sind Menschen gemeint, die einen Zugriff auf ihre eigene Moral haben.

    Deshalb ist die Moral auch nicht einheitlich. Erstens gibt es Menschen mit unterschiedlich gutem Zugriff zu ihrer Moral und außerdem ist die Moral, die den Menschen innewohnt, nicht gleich. Sie ist nicht einheitlich, weil sie eben nicht unter Zwang entsteht. Eine einheitliche Moral braucht Zwang und unter Zwang gibt es keine Moral. Moral muss immer freiwillig sein und sie ist es auch, denn nur dann ist sie echt.

    Die Moral will nichts von anderen. Sie genügt sich selbst. Sie hat eben keine Ansprüche auf Allgemeingültigkeit. Die meisten Definitionen von Moral widersprechen dem komplett. Sie gehen nämlich davon aus, welches Handeln in bestimmten Situationen erwartet beziehungsweise für richtig gehalten wird. Und das ist kein inneres, sondern ein äußeres Urteil. Da will der eine dem anderen sagen, was er für richtig hält, ohne dass er in der Situation des anderen ist.

    Diejenigen, die dafür plädieren, dass die Moral erzwungen sein kann oder sogar sollte, die müssen davon ausgehen, dass der Mensch im Grunde schlecht ist. Tatsächlich versucht er sich nur die ganze Zeit bei anderen einzumischen und hat dadurch keinen Zugriff auf seine eigene Moral mehr. Er ist ja die ganze Zeit mit den anderen beschäftigt.

    Echte Moral ist übrigens auch sehr spontan. Du musst nicht über sie nachdenken. Das machen wir nur, weil wir durch unser Umfeld, das sich ständig einmischt, so verunsichert sind. Wir haben ständig Angst vor den Urteilen und Bewertungen der anderen, ob wir das jetzt gerade richtig gemacht haben, dass wir wirklich der Meinung sind, wir bräuchten diese äußere Führung. Die brauchen wir aber nur deshalb, weil diese äußere Führung unsere innere Moral überdeckt.

    Wir sorgen also für das, was wir behaupten, indem wir so handeln, weil wir davon überzeugt sind, dass es so ist. Dadurch kommen wir nie dazu, es zumindest einmal anders auszuprobieren. Und weil wir so überzeugt sind davon, verharren wir in dieser Starre. Wir müssen uns Moralpredigten anhören und wir halten sie für andere, statt uns einfach nur um uns zu kümmern.

    Dafür müsstest du dir noch nicht einmal rhetorische Fragen stellen. Du musst dich auch nicht fragen: "Was würde Jesus oder Buddha tun?" Sondern du müsstest dich selbst beobachten: Was du tust und warum du es tust. All das nicht als kopfgesteuerte Analyse, sondern als ein tiefes Eintauchen in dich selbst. Auch dafür braucht es keinen Zwang. Und mit Zwang würde es gar nicht funktionieren. Es funktioniert nur dann, wenn du es freiwillig tust.

    Das gilt übrigens für alles. Und jetzt weißt du, wie weit wir davon entfernt sind. Du weißt es zumindest dann, wenn du deine innere Reaktion gerade beobachtet hast. Die meisten Menschen machen in diesen Momenten komplett zu. Die können sich nicht vorstellen, dass freiwillig irgendetwas funktioniert. Und so behandeln sie sich selbst und natürlich auch andere. Dadurch setzt sich der Kreislauf einfach fort.

    Zu Beginn deines Lebens musst du dir viele Moralpredigten anhören und später hältst du sie selbst. Dabei bekommst du gar nicht mit, dass all das auf Angst basiert: der Angst vor Vertrauen. Man hat dir nicht vertraut und so kannst du auch anderen und dir selbst nicht vertrauen. Du hast Angst, dass etwas schiefgehen könnte, deshalb willst du es in den Griff bekommen.

    Moral ist nicht in den Griff zu bekommen. Sie ist freiwillig und frei schwebend in dir.