»Der Lehrer hat nichts von deiner Hingabe. Du schon.«
Wie sehr wir trotz gegenteiliger Beteuerung nach außen orientiert sind, können wir beim Thema Hingabe sehr gut beobachten. Wir selbst und andere bekommen sofort Angst davor, dass unsere Hingabe ausgenutzt wird. Und wir haben auch bei anderen Angst davor, dass deren Hingabe ausgenutzt wird. Dabei vergessen und ignorieren wir den wesentlichen Aspekt von Hingabe: Hingabe wirkt sich als Allererstes wie alle anderen Gefühle auch auf uns selbst aus.
Selbstverständlich gibt es Menschen, die unsere Hingabe ausnutzen würden oder tatsächlich ausnutzen. Doch diese Menschen sind keine Lehrer und schon gar keine Meister oder gar Gurus. Ein echter Lehrer, Meister oder Guru kann deine Hingabe überhaupt nicht ausnutzen — und zwar auf keiner einzigen Ebene. Er verspürt überhaupt nicht das Verlangen danach. Es gibt ihm nichts. Es zahlt nicht auf sein Ego ein, weil er entweder keines mehr hat oder weil er es zumindest in diesem Bereich nicht an anderen auslebt.
Unsere Angst vor Hingabe zeigt uns etwas sehr deutlich: Sie muss bereits mehrfach ausgenutzt und enttäuscht worden sein. Ein Kind kennt gar nichts anderes: Es lebt in absoluter Hingabe an das Leben. Wenn es fröhlich ist, ist es zu 100 Prozent fröhlich. Im Moment der Fröhlichkeit gibt es keine Trennung zwischen dem Kind und Fröhlichkeit. Genauso verhält es sich in Momenten von Wut, Ärger, Trauer oder Angst: Das Kind ist die Trauer. Es ist die Angst. Es ist dem Leben vollkommen hingegeben.
Im Idealfall findest du einen Lehrer, der dich genau daran erinnert. Einen Lehrer, in dessen Anwesenheit du Hingabe üben kannst, weil du keine Angst hast, dass sie ausgenutzt wird. Und obwohl ein Lehrer dazu beitragen kann, dass es dir möglich ist, zu vertrauen, liegt es trotzdem nur an dir. Es liegt an dir, ob du die Fähigkeit entwickelst, Hingabe wieder zu üben. Diese Übung ist immer mit einem Risiko verbunden. Das Risiko ist, dass du wieder enttäuscht wirst. Und diese Angst vor Enttäuschung ist der Grund, warum wir es nicht üben.
Es ist schön und absolut hilfreich, wenn ein Lehrer deine Hingabe und dein Vertrauen nicht ausnutzt. Für mich ist es auch die Voraussetzung, als Lehrer tätig sein zu können. Doch jetzt kommt ein großes Aber: In deinem sogenannten Alltag ist kein Lehrer da und die Gefahr steigt, dass deine Hingabe und dein Vertrauen ausgenutzt wird. Irgendwann musst du es in deinem echten Leben leben. Dann fällt das Netz und der doppelte Boden des Lehrers weg. Du kannst dir nicht mehr sicher sein und ein echter Schritt ist es erst dann, wenn du dir nicht mehr sicher bist.
Das ist dann das, was in der spirituellen Szene hoch und runter gepredigt wird. Sie nennen es "ins Leben vertrauen". Der Satz ist so kurz, dass sie gar nicht verstehen, was dahinter steckt: alle Abgründe deiner Kindheit. Und Hingabe ist nichts anderes als die Heilung dieser Abgründe.