»Die Erklärung der Welt muss dich befreien.«
Sobald du dir diese Welt erklären kannst, muss dich diese Erklärung befreien. Wenn sie dich nicht befreit, ist es noch nicht die richtige Erklärung. Menschen, die sich diese Welt konventionell erklären, sind dabei genauso gefangen wie Menschen mit alternativen Welterklärungsmodellen. Beide haben eine Lieblingserklärung für diese Welt und beide wurden dadurch nicht befreit.
Welchen Wert hat eine Erklärung für dich, wenn du durch sie im gleichen Zustand wie vorher bleibst? Du behauptest jetzt vielleicht, dass du Erkenntnis hast, doch die spielt sich ausschließlich im Kopf ab. Du kennst jetzt eine andere Erklärung. Dein Leben hat sich dadurch nicht verändert. Dabei ist es unerheblich, ob du dir die Welt oder andere jetzt erklären kannst. Selbst dann, wenn du dich dir selbst erklären kannst, verändert sich dadurch erst einmal gar nichts. Denn die Erklärung ist noch nicht einmal der Beginn des Weges.
Der Weg beginnt, sobald du aufgrund dieser Erklärung bereit bist, etwas anders zu machen als vorher. Es geht noch nicht einmal darum, dass du es besser machst. Es geht nur darum, etwas anders zu machen und die Strukturen, die du in dir oder anderen erkannt hast, herauszufordern. Bei den anderen tun wir uns meistens deutlich leichter. Das ist der bequeme Weg. Dabei können wir in unserem Ego bleiben und so tun, als würden wir etwas in uns herausfordern. Tatsächlich laden wir unsere schlechte Laune bei anderen ab. Oder wir leben unsere absurdesten Eigenarten an anderen aus.
Die größere Herausforderung ist es, dich selbst herauszufordern. Und zwar immer in dem Sinn der Überprüfung deiner Erkenntnisse. Wenn du erkannt hast, wie die anderen sind, dann erkenne zuerst dich. Wenn du dich erkennst, dann kannst du auch die Welt erkennen, ohne dass du davon gestresst bist. Ganz im Gegenteil: Wenn du die Welt wirklich erkennst, muss dich diese Erkenntnis befreien. Sie muss dich davon befreien, dass du dich über andere beschwerst. Und sie muss dich auch davon befreien, dass du Angst hast vor anderen oder der Welt.
In spirituellen Kreisen wird das sehr schnell falsch verstanden. Deshalb möchte ich es erklären. Es geht nicht darum, dass du überhaupt keine Vorsicht mehr haben darfst. Es geht auch nicht darum, dass du allen gegenüber vollkommen offen sein musst. Es geht darum, dass dich der Gedanke an die anderen und an die Welt nicht mehr stresst und nicht mehr ängstigt: Weil du die Welt erkannt hast!
Die Art der Erklärung ist dabei vollkommen egal. Es geht darum, ob dich die Erklärung entspannt. Und nein, das geht nicht nur mit schönen Erklärungen. Du kannst auch mit den schlimmsten Erklärungen entspannen. Für den Verstand klingt das vollkommen widersprüchlich. In der Praxis ist das aber eine der effektivsten Übungen: Du beobachtest dich, während du angespannt bist. Du beobachtest, was diese Anspannung ausgelöst hat, wie sie aufrechterhalten wird und wo du sie wahrnimmst.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du dir das anfangs überhaupt nicht vorstellen kannst, wie die schlimmsten Erklärungen zu etwas Positivem führen sollten. Aber ich kann es dir auch aus eigener Erfahrung sagen, dass es möglich ist. Es hat nichts mit der Erklärung zu tun, sondern alles mit deiner Übung.