»Du bist unschuldig.«
Deine Unschuld ist dir abhandengekommen. Sie wurde dir ausgetrieben. Du wurdest an eine Welt gewöhnt, die in tiefer Schuld lebt, weil sie an Schuld glaubt. Vor allem an die Schuld der anderen und deshalb umso mehr an die eigene Schuld.
Das ist der Grund dafür, warum die meisten Menschen ihre Schuld abstreiten: Sie sind im Widerstand zu dem, wovon sie zutiefst überzeugt sind. Und überzeugt sind sie davon, dass es darum geht, wer Schuld hat. Wenn der eine schuldig ist, ist der andere unschuldig. Und der Unschuldige hat recht, auch wenn er es nicht bekommt. Deshalb geht es darum, seine Unschuld zu beweisen.
Wer war dein erster Ankläger? Und wer dein erster Richter? Wo im Körper hast du das gefühlt? Diese Ungerechtigkeit, dass du schuld sein sollst. Natürlich kann es dir passieren, dass du einen Fehler machst. Doch dafür musst du nicht angeklagt werden. Das fällt dir selbst auf. Woher hatte der Richter das Recht, über dich zu urteilen?
"Richter sein" ist leicht. "Richter sein" ist einfach. Du machst das, was du gewöhnt bist: über andere urteilen. Schwierig wird es, wenn der Richter über sich selbst urteilen muss. Dann findet er jede Menge Begründungen und Erklärungen. Jeder Richter versucht auch, sich andere Richter vom Leib zu halten, sonst könnte ja eines Tages über ihn geurteilt werden. Das finden die meisten Richter gar nicht witzig.
Richter zu sein ist eine Programmierung. Es ist eine Rolle, die man ganz automatisch spielt. Es ist ein immenser Kraftakt, sich dieser Rolle bewusst zu werden und sie abzulegen. Jede einzelne Körperempfindung bringt dich zurück in die Rolle des Richters. Du urteilst schon wieder. Du beurteilst das Gefühl als etwas Negatives. Dabei ist es das Gefühl, das sich in dir etabliert hat, als du verurteilt wurdest.
Aus der Rolle des Richters kommst du nur heraus, wenn du bereit bist, alles zu fühlen. Es ist egal, wann du damit fertig bist. Wichtig ist, dass du beginnst. Auf diesem Weg erkennst du und erfährst du deinen unschuldigen Kern. Du erkennst und erfährst ihn jenseits deines Verstandes. Du musst es dir nicht einreden, dass du unschuldig bist. Du erkennst es.