»Spiritualität ist weder Beschönigen noch Relativieren.«
Die spirituelle Szene ist voll von Beschönigern und Relativierern. Sie versuchen, ihre Lehrer zu imitieren, weil sie immer noch auf die Erfahrungen der anderen reagieren wollen. Das liegt daran, dass sie den Schmerz nicht fühlen wollen, den sie fühlen würden, wenn sie nicht reagieren würden. Und um den Schmerz nicht zu fühlen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Du kannst es beschönigen oder relativieren.
Ich erlebe das zwischendurch, wenn ich privat oder beruflich Kontakt zu Menschen habe. Dann sind sie der Meinung, dass sie spirituell mit mir sprechen müssen. Und sobald sie das versuchen, relativieren oder beschönigen sie. Sie wollen es dann nicht so erzählen, wie es für sie tatsächlich ist. Sie wollen es anders darstellen: angenehmer, weniger dramatisch. Und das fühlt sich nie echt an! Sie wollen entweder ihren eigenen Schmerz verdrängen oder den Schmerz der anderen.
Spiritualität hat aber nichts mit Verdrängen und Schönreden zu tun. Ganz im Gegenteil! Spiritualität ist das Ankommen in deiner harten, erlebten Realität. Wenn du spirituell bist, konfrontierst du dich mit dem, was jetzt hier ist. Dann hast du kein Bedürfnis, das, was jetzt hier ist, schönzureden. Du hast nämlich überhaupt kein Bedürfnis, überhaupt zu reden. Oder du kannst ganz normal sprechen und währenddessen alles wahrnehmen, was jetzt hier ist.
Dazu musst du deine Sprache nicht verändern. Du musst keine spirituellen Worte verwenden und du brauchst nicht so tun, als würde es dir nichts ausmachen, obwohl es dir etwas ausmacht. Du brauchst deine Gefühle weder leugnen, noch musst du sie an die große Glocke hängen. Du kannst spirituell sein, ohne jemals mit irgendjemand über Spiritualität gesprochen zu haben. Du kannst sogar der Arsch bleiben, der du bist. So etwas wollen die Spiris als Allerletztes hören. Natürlich kannst du auch total lieb sein, wenn du es wirklich bist, aber das Dümmste, das du machen kannst, ist, so zu tun, als wärst du gerade vollkommen im Frieden, obwohl du innerlich kochst.
Und davon gibt es natürlich viele Abwandlungen und Nuancen. Denn du lebst ja nicht ständig in den Extremen. Aber es genügt schon, wenn du die Erfahrung des anderen, von der er dir gerade erzählt, relativieren möchtest. Da gibt es total bescheuerte spirituelle Sätze, die dann verwendet werden. Im Kern geht es aber nicht um die Worte, sondern um deine Haltung dahinter.
Entweder willst du gerade spirituell erscheinen. Das nennt man dann "ein spirituelles Ego". Oder du willst den anderen beruhigen, weil es dich gerade aufwühlt und du keine Lust auf diese Gefühle hast. Gleichzeitig willst du ihm aber auch nicht sagen, dass du gerade keine Lust auf diese Gefühle hast und er diese Gefühle in dir auslöst. Also sagst du etwas Schönes oder Beruhigendes oder etwas Allgemeines: "Wir sind alle eins und ich schicke dir ganz viel Licht und Liebe."
Diese Art von spirituellem Gesäusel kann ich keinem abnehmen. Und das liegt nicht daran, dass es falsch ist, was sie sagen, aber es ist in diesem Moment nicht in ihnen. Die meisten Spirituellen glauben, dass sie spirituell erscheinen müssen und sie wollen andere heilen, bevor sie sich selbst geheilt haben. Nichts könnte unspiritueller sein als das.
Und ich bin mir sicher: Du fühlst das auch. Du fühlst es in beiden Fällen. Du fühlst es, wenn andere zu dir so sind. Und du fühlst es, wenn du so bist. Wenn wir so sind, verdrängen wir es meistens noch ein bisschen stärker, damit es uns nicht auffällt. Aber im Laufe der Zeit kommen wir uns auf die Schliche. Wir wissen, dass wir in diesem Moment nicht echt sind.
Statt zu beschönigen oder zu relativieren, ist es besser zu sagen: "Ich kann gerade nicht." Dann musst du deine Gefühle nicht verdrängen und durch Beschönigungen oder Relativierungen über sie hinwegtäuschen.