Spiritualität ist auch etwas wahrnehmen und die Klappe halten zu können. Die in spirituellen Kreisen populäre Forderung, du müsstest deine Wahrheit sprechen, ist spirituell überhaupt nicht notwendig. Ganz im Gegenteil. Wenn du in die Spiritualität eintauchst, geht es nicht mehr um deine Wahrheit. Es geht nicht mehr um dich. Es geht nicht mehr um die anderen. Es geht nicht darum, dich durchzusetzen und anderen zu erklären, wie du das siehst. Es geht nicht mehr um deine Meinung. Es geht um etwas vollkommen Neues. Etwas, das du noch gar nicht kennst. Zumindest hast du es für dein Leben im Ego, für dein Leben im Verstand und in der Programmierung verdrängt. Das, was du verdrängt hast, kannst du nicht durch diejenigen Mechanismen fördern, mit denen du verdrängt hast. Und der Hauptmechanismus, wie wir verdrängen, hat damit zu tun, dass wir auf die Außenwelt reagieren. Wir glauben, anderen ständig erklären zu müssen, wie wir es sehen und wie sie es unserer Ansicht nach richtig machen könnten. Das kann kein Teil von Spiritualität sein. Denn sonst hat sich ja nichts verändert in dir. Dann ist alles beim Alten geblieben und du lebst es so aus, wie du es bisher ausgelebt hast. Nur mit einem anderen Thema. Schau dich gut um, dann siehst du, dass genau das geschieht. Menschen sind immer noch damit beschäftigt, andere von sich und von ihrer Meinung zu überzeugen. Der einzige Grund, warum du andere von deiner Meinung überzeugen willst, ist übrigens, dass du selbst nicht überzeugt bist. Wenn du es auf der Erfahrungsebene wirklich wüsstest und wenn deine Überzeugung aus echter Erfahrung kommt, dann wüsstest du auch, dass du niemanden überzeugen musst und auch gar nicht kannst. Dann würde das Streben, andere zu überzeugen, in dir einfach wegfallen. Es wäre unwichtig und du könntest die ganze Zeit wahrnehmen, was bei anderen ist und müsstest einfach nichts dazu sagen. Dein Schweigen dürfte aber natürlich auch nicht von einem dir selbst auferlegten Verbot kommen, denn das ist ja auch nicht echt. Echt ist, wenn es dir geschieht. Wenn du wirklich wahrnehmen kannst, dass es nichts bringt und dass es auch gar nicht notwendig ist, dann musst du auch den berühmten spirituellen Satz "Jeden so sein lassen, wie er ist" nicht ständig gedanklich wiederholen. Das ist eines der erstaunlichsten Phänomene in der Spiritualität: Etwas, das du lebst, existiert in dir nicht als Programmmethode oder Regel. Du musst es nicht ständig wiederholen, damit es präsent ist. Es ist in dir jenseits des Denkens präsent. Das ist aber keine bewusste Präsenz und du musst dich auch nicht selbst daran erinnern. Etwas, das du lebst und verkörperst, ist in dich übergegangen. Solange du dir diese Sätze wie "Jeder hat seine eigene Sichtweise" oder auch "Wir sind alle eins" ständig wiederholen musst, lebst du sie nicht. Du verwendest sie zur Beruhigung beim Gegenteil: Du fühlst gerade Trennung, deshalb sagst du: "Wir sind alle eins." Wenn du keine Trennung fühlst, ist dieser Satz nämlich vollkommen überflüssig. Ich weiß, dass der Möchtegern-Spiri in uns das nicht gerne hört. Er wird nicht gerne entlarvt. Er ist ein Chamäleon und er versteckt sich überall. Am liebsten und am besten versteckt er sich in spirituellen Sätzen. Wenn du wirklich glaubst, es ginge in diesem Leben darum, was du in der Welt veränderst, dann warte einfach mal, bis sich das in dir verändert, was ich heute beschrieben habe. Die Welt und dein Leben werden dadurch nicht unbedingt einfach. Aber in dir stellt sich eine vollkommen neue Qualität von Erleben ein. Der Kern von Spiritualität ist aber kein Zugewinn, sondern ein Wegfall. Du kannst zum Beispiel die Klappe halten, obwohl dir etwas auffällt, weil dein Drang, etwas zu sagen, weggefallen ist. Und du brauchst deine Wahrheit nicht mehr sprechen, weil du sie verkörperst.