'Der Fisch stinkt vom Kopf' verstehen alle, wenn es um Unternehmen geht. Bei Familien versteht es plötzlich niemand mehr. Solange wir wie kleine Kinder auf unsere Chefs schimpfen dürfen, sind wir zufrieden. Wenn aber unsere Kinder auf uns als Chefs schimpfen, finden wir das höchst ungerecht. Als Angestellte wissen wir, dass sich unser Chef nicht in uns hineinversetzen kann. Er müsste doch nur mal an unserer Stelle sein und versuchen, uns zu verstehen. Was für uns als Angestellte glasklar auf der Hand liegt, ignorieren wir komplett, sobald wir die Chefs sind. Es gibt keine verhaltensauffälligen Kinder. Es gibt nur Kinder, die mit dem Verhalten ihrer Eltern nicht klarkommen. Und es gibt Eltern, die das Verhalten ihrer Kinder nicht verstehen und den Auslöser in ihrem eigenen Verhalten nicht erkennen können oder wollen. Vor allem wollen wir als Eltern uns von den Kindern nicht durcheinanderbringen lassen. Wir wollen unser Leben so weiterleben, wie wir es bis dahin gewöhnt sind. Dabei wollen wir nicht realisieren, dass dieses Leben, wie wir es gerade leben, nur dadurch zustande kommt, dass wir durch das durchgegangen sind, wo jetzt gerade unsere Kinder durchgehen. Kinder sind unsere Chance, zu unserem Kern zurückzukehren oder ihn zumindest neu zu entdecken. Im Vergleich zu vielen anderen meine ich das nicht romantisiert. Das ist unter anderem das Härteste, was du erleben kannst. Das zeigt sich ja auch daran, dass die meisten scheitern. Denn die meisten Eltern behandeln ihre Kinder, als wären sie ihre Chefs. Der Fisch stinkt aber auch in Familien vom Kopf. Und wenn sich Kinder seltsam verhalten, dann ist das ein Ausdruck des Verhaltens der Eltern. Wir wollen uns mit den Dingen in unserem Leben nicht beschäftigen, bis wir dazu gezwungen werden. Verhaltensauffällige Kinder zwingen die Eltern dazu, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Solange sie das nicht tun, wird das Verhalten des Kindes nur immer noch auffälliger. Kinder sind nur für jene eine ultimative Herausforderung, die nicht bereit sind, bei sich selbst zu schauen. Und bei sich selbst zu schauen, bedeutet nicht, die Fehler bei sich selbst zu suchen. Es geht auch nicht um Schuld. Es geht um etwas viel, viel Intensiveres. Und das fährt den meisten Menschen so tief rein, dass sie es ablehnen, sich damit zu beschäftigen. Es geht um das eigene falsche Verständnis vom Leben. Es geht darum, was Leben ist und was es nicht ist. Es geht darum, wozu wir hier sind und wozu wir nicht hier sind. Und all das können wir am Beispiel der Kinder neu entdecken. Aber das geht natürlich nur, wenn wir radikal ehrlich zu uns selbst sind. Solange wir die Schuld bei anderen suchen, kann es überhaupt nicht funktionieren. Es geht ja noch nicht einmal um unsere eigene Schuld, denn uns trifft keine Schuld. Auch wir haben es nur von unseren Eltern übernommen. Aber unser Ego, also der Schmerz, den wir fühlen würden, lässt es nicht zu, dass wir uns verändern und das Leben auf eine vollkommen neue Art und Weise betrachten. Wir wollen weiterhin recht haben und wir wollen die Chefs sein. Wir wollen über die Kinder bestimmen, weil wir glauben und vollkommen überzeugt davon sind, wir wüssten, was gut für sie ist und was nicht. Dabei übernehmen wir nur die Ängste und legen die als Wegweiser aus. Das sind aber keine Wegweiser für unsere Kinder. Das sind unsere eigenen Ängste. Und nur weil wir in den ersten Jahren und in ein paar wenigen Bereichen tatsächlich einen besseren Überblick haben und wissen, was gut für sie ist und was nicht, bedeutet das nicht, dass wir das auf alle Bereiche übertragen können. Besonders in den Bereichen, in denen keine unmittelbare Gefahr droht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir mit unserer Angst falschliegen. Und unsere Ängste sind mannigfaltig. Die meisten Menschen haben Angst, dass aus ihren Kindern nichts wird. Als ob sie nicht schon etwas wären. Diese Angst haben sie und übertragen sie auf ihre Kinder, ohne sich selbst zu fragen, was denn aus ihnen geworden ist. Wenn sie sich das ehrlich anschauen würden, dann müssten sie erkennen, dass eine Erziehung, die Angst um die Kinder hatte, dass aus ihnen nichts wird, zu etwas führt, was man gar nicht befürworten kann. Aber all das wollen wir nicht in Frage stellen. Deshalb tun es unsere Kinder für uns. Sie stellen uns, unsere Programme und unser Ego in Frage. Das ist ihr Geschenk an uns. Für die meisten eine bittere Pille. Diese bittere Pille wird abgelehnt und wir arbeiten so lange daran, unsere Programme und unser Ego in die Kinder zu transformieren, bis es keinen Widerstand und keinen großen Unterschied mehr gibt. Sobald unsere Kinder so funktionieren, wie wir es uns vorgestellt haben, sind wir zufrieden. Dann haben wir aus ihnen das Gleiche gemacht, wie aus uns gemacht wurde: Eltern, die ihre Kinder nicht als Bereicherung und Möglichkeit zur Selbstreflexion sehen, sondern als Problem.