Wir sind alle über den Atem verbunden. Die Bedeutung des heutigen Zitates ist sehr konkret und praktisch. Ich sage dir aber als Erstes, wie ich es nicht meine. Ich meine damit nicht, dass uns die Notwendigkeit zu atmen verbindet. Es geht nicht darum, dass wir alle atmen müssen. Es geht auch nicht um den Rhythmus des Atmens oder irgendwelche Atemübungen. Es ist auch nicht philosophisch gemeint. Ich meine es so praktisch, dass es den meisten überhaupt nicht auffällt. Die Luft, die du einatmest, hat vor dir ein anderer geatmet. Und die Luft zum Atmen ist lebensnotwendig und damit eine Quelle, auf die du nicht länger als ein paar Minuten verzichten kannst. Statt also theoretisch von einer göttlichen Quelle zu sprechen, kennst du sie tatsächlich auch ganz praktisch. Sie ist dir nur nicht bewusst. Sie ist aber immer hier. Ohne sie würdest du nicht leben. Stell dir einfach vor, du bist mit anderen Menschen gemeinsam in einem Raum. Dieser Raum ist ein geschlossenes System. Ihr alle atmet ein und ihr atmet aus. Ihr atmet die Luft ein, die in diesem Raum ist. Und ihr atmet in die Luft dieses Raumes aus. Ihr alle atmet die gleiche Luft. Mehrfach. Die Luft, die vorher in den Lungen deines Nachbarn war, ist jetzt in deinen Lungen. Ihr könnt in diesem geschlossenen System viele Stunden überleben, ohne dass ihr Luft von außen braucht. Ihr teilt euch die gleiche Luft und ihr verwendet sie mehrfach. Und genauso ist es, wenn ihr rausgeht. Nur im Großen. Und wir alle sind von dieser Quelle ultimativ abhängig. Sie ist also das größte Geschenk, das uns in jeder Sekunde gemacht wird. Deshalb ist die folgende Übung so machtvoll. Falls du nicht klar bist, falls du durchdrehst, falls du der Meinung bist, du hättest Probleme, dann halte die Luft an! Halte sie so lange an, wie du kannst. Und je größer dein Drang zu atmen wird, stell dir diese Frage: "Gibt es jetzt gerade irgendetwas, das wichtiger ist, als einzuatmen?" Wenn du noch etwas findest, dann halte die Luft länger an! Wenn du nichts mehr findest, kannst du einatmen. Falls du bei dieser Übung ohnmächtig wirst, hast du ein sehr stures Ego. Dann kannst du dich nicht hingeben und hast das Leben nicht verstanden. Dann ist dein Verstand an Arroganz kaum zu übertreffen. Ich vermute aber, dass dir das nicht passiert. Diese Übung ist ein perfekter Realitätsabgleich. Er weist deine Gedanken und deinen Verstand und dein Ego in die Grenzen. Nichts hat einen Wert, wenn du nicht atmen kannst. Und die größte Gnade ist, dass die Luft, die du einatmest, immer genau die richtige Zusammensetzung hat, damit du leben kannst. Dein Körper braucht dazu übrigens nicht nur Sauerstoff, sondern dringend CO2. CO2 ist ein Katalysator, der den Sauerstoff in die Zellen deines Körpers bringt. Ohne Sauerstoff stirbst du. Ohne CO2 auch. Vor einigen Jahrzehnten gab es dazu Experimente. Die wurden mit Gefängnisinsassen und mit Krankenhauspatienten ohne deren Wissen gemacht. Man wollte herausfinden, was passiert, wenn man den CO2-Gehalt der Luft erhöht. Das hat man gemacht und dabei festgestellt, dass es den Gefängnisinsassen und den Patienten besser ging. Daraufhin wurden die Experimente eingestellt. Das ist übrigens auch ein Trick, der in Gewächshäusern angewendet wird: Die Pflanzen werden mit CO2 begast. Über die Luft, die wir atmen, sind wir enger mit allen anderen verbunden, als wir uns vorstellen können. Und vielleicht sogar, als uns lieb ist. Wir können es aber auch nicht ändern. Und falls wir uns weigern würden, die Luft mit den anderen zu teilen und die Luft, die bereits in den Lungen der anderen war, zu verwenden, würden wir ersticken. Wir können alle möglichen Überheblichkeiten an den Tag legen, in diesem Bereich haben wir keine Wahl: Wir sind über die Luft, die wir atmen, mit allen verbunden.