Die Selbsttäuschung ist die bessere Lüge. Es gibt derzeit ein riesengroßes Missverständnis und dieses Missverständnis will kaum jemand wahrhaben. Vor allem diejenigen nicht, die dieses Missverständnis nicht erkennen können. Sie gehen davon aus, dass sie Lügen erkennen können. Und wenn sie Lügen erkennen und dabei erkennen, dass es Menschen gibt, die lügen, dann sind sie felsenfest davon überzeugt, dass diese Menschen wissen, dass sie lügen. Das stimmt aber nur selten. In den meisten Fällen wissen die Menschen nicht, dass sie lügen. Denn sie glauben die Lüge und eine Lüge, die ich glaube, ist Selbsttäuschung. Die ist aber unbewusst. Kein Mensch zieht los und will sich selbst täuschen. Jeder Mensch will das glauben, wovon er andere überzeugen will. Und um andere überzeugen zu können, muss man selbst fest überzeugt sein. Das ist selbst dann so, wenn man mit einer Lüge begonnen hat. Insgeheim weiß man vielleicht noch, dass man lügt. Doch man hat sich selbst von der Lüge überzeugt, um andere davon überzeugen zu können. Außerdem ist die Lüge nie offensichtlich. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die Lüge wird immer erst notwendig, wenn du Ziele hast. Ziele machen dich manipulierbar und Ziele machen dich manipulativ. Deshalb sind Visionäre ganz besondere Menschen. Sie sind besonders manipulativ. Das bringen Ziele automatisch mit sich. Immer dann, wenn du etwas Bestimmtes willst, wenn du ein bestimmtes Ergebnis anstrebst, wenn du etwas Besonderes erreichen willst, dann ordnest du alles andere diesem Ziel unter. Je nachdem, wie groß deine Skrupel sind oder wie schlecht dein Gewissen ist, gibt es dabei Grenzen oder auch keine. Anfangs musst du vielleicht noch lügen. Das bedeutet, es fällt dir immer noch auf, dass du nicht die Wahrheit sagst und nicht die Wahrheit lebst. Doch je mehr du die Lüge lebst, desto weniger fällt es dir auf. Im Idealfall für dich und für dein Gewissen geht die Lüge in Selbsttäuschung über. Sobald du es geschafft hast, dich selbst zu täuschen, ist die Lüge unbewusst geworden. Dieser Weg ist aber die große Ausnahme. In den meisten Fällen setzt die Selbsttäuschung so früh ein, dass es dir überhaupt nicht auffällt. Du glaubst von Anfang an daran, weil die Alternative bedeuten würde, dass du deine Ziele überprüfen, hinterfragen und aufgeben müsstest. Du wärst ein Zweifler und Zweifler kommen in Gesellschaft überhaupt nicht gut an. Zweifler kommen aber auch mit sich selbst nicht gut zurecht und sie versuchen deshalb, sich selbst diesen Zweifel auszureden. Auch das Ausreden von Zweifel resultiert in Selbsttäuschung. Solange du zweifelst, bist du noch nicht auf dem richtigen Weg. Das bedeutet aber nicht, dass du die Zweifel einfach übergehen sollst. Du solltest deine Zweifel leben. Die meisten Menschen versuchen, ihre Zweifel unter Überzeugung zu verstecken. Sie versuchen, überzeugend zu wirken. Das funktioniert mal besser und mal weniger gut. Wenn es gut funktioniert, werden sie erfolgreich. Wenn es nicht gut funktioniert, bleiben sie erfolglos. Zumindest sind sie aber nicht anerkannt. Es gibt einen Weg ohne Selbsttäuschung. Und zwar, indem du den Zweifel annimmst. Das bedeutet nicht, dass du für immer zweifeln wirst. Es bedeutet, dass du bereit bist, den Zweifel zu fühlen. Im Gegensatz zu der Angst, die du davor hast, macht dich das stärker und nicht schwächer. Ein Mensch, der zugeben kann, dass er etwas nicht weiß, wird attraktiver. Zumindest für diejenigen, die bereit sind, die Wahrheit zu hören. Ich habe diesen Satz heute von einem Arzt gehört. Ich habe ihn etwas gefragt und er hat geantwortet: "Ich weiß es nicht." Diese Ehrlichkeit hat mich mehr beruhigt und beeindruckt als alle schlauen Aussagen von anderen vorher. Ehrliche Zweifel, Nichtwissen und Unsicherheit sind beruhigender als gespielte Kompetenz. Vor allem aber machen sie Selbsttäuschung und damit auch jede Lüge überflüssig.