Das Ego baut eine Welt auf, die stabil erscheint und an der es festhalten kann. Unser Ego baut diese Welt auf, um sich sicher zu fühlen. Würde es diese Welt nicht aufbauen, wären wir die ganze Zeit verunsichert. Erwachen, Erlösung, Heilung (wie auch immer du es nennen willst) muss also über Verunsicherung laufen. Sonst löst du nur die eine Welt des Ego gegen die andere Welt des Ego ab. Das ist auch der Grund, warum es ein spirituelles Ego gibt. Es sind die exakt gleichen Mechanismen wie beim weltlichen Ego. Es gibt keine Erkenntnis und kein Erwachen, das nicht über das läuft, was du mit deinem Ego vermeiden willst. Vielleicht kommt das Zitat auch anders bei dir an, als es gemeint ist. Es sind aber nicht die großen Welten, die das Ego aufbaut, sondern die kleinen. Ein ganz einfaches Beispiel: Du identifizierst dich mit etwas, das du gelernt hast. Dadurch identifizierst du dich mit denen, die das gemeinsam mit dir gelernt haben. Du fühlst dich zu einer Gruppe zugehörig. Und innerhalb dieser Gruppe gibt es wiederum Untergruppen, die lernen wieder etwas auf eine bestimmte Art und Weise oder sind von etwas überzeugt und du fühlst dich denen zugehörig. Selbst dann, wenn das gar keine echte Gruppe von Menschen ist, sondern nur eine Richtung oder eine Strömung. Über Menschen des öffentlichen Lebens wird ständig so berichtet. Es wird gesagt und behauptet, welcher Schule oder Denkschule sie angehören. Wir packen sie in Schubladen. Das brauchen wir, damit wir sie einordnen und einschätzen können. Wir identifizieren also nicht nur uns darüber, was wir gelernt haben. Wir identifizieren auch andere darüber, was sie gelernt haben und welche Richtung sie vertreten. Das ist besonders in der Philosophie und Spiritualität ein großer Fehler. Denn es ist unser Ego, das diese Schubladen braucht. Hätten wir diese Schubladen für uns selbst und für andere nicht, wären wir verunsichert. Wir wüssten nicht, wo wir stehen und wir wüssten nicht, wo wir die anderen einordnen können. Für diesen Wunsch, zu wissen, wo du stehst und wo du andere einordnen kannst, gibt es keinen anderen Grund als Unsicherheit. Und diese Unsicherheit willst du nicht fühlen. Du willst nicht aufgeschmissen sein. Du willst nicht ratlos sein. Du willst zu allem und jedem etwas sagen können. Dazu passt das Narrativ der Wichtigkeit deiner Meinung. Das ist der Grund, warum alle sagen, dass deine Meinung so wichtig ist. Tatsächlich meinen sie damit natürlich, dass ihre eigene Meinung wichtig ist. Und diese Meinung ist nur wichtig, weil sich niemand unsicher fühlen will. Diese Identifikation mit einer Meinung, einer Richtung, einer Strömung oder einer bestimmten Denkschule hält uns vom Wesentlichen ab. Das Wesentliche ist unser Wirken beziehungsweise unsere Wirkung. Aber eben nicht diese gewollte Wirkung, wie es unser Ego gerne hätte, sondern wie wir ohne Identifikation mit einer bestimmten Richtung wirken. Das bedeutet übrigens auch nicht, dass wir kein bestimmtes Weltbild haben dürfen. Es ist nur die Frage, ob wir uns damit identifizieren, ob wir wirklich glauben, wir seien dieses Weltbild oder dieses Weltbild zu haben, sei extrem wichtig, um etwas zu fördern oder zu verhindern. Und es ist auch nicht hilfreich zu denken, es wäre gut, wenn alle dieses Weltbild hätten. Es bringt überhaupt nichts, wenn du andere von deinem Weltbild überzeugst. Denn dann hast du sie von deinem Ego überzeugt. Den meisten fällt bei diesem Prozess überhaupt nicht auf, dass es gar keine überzeugenden Argumente gibt. Das, was dich überzeugt, ist nicht die Überzeugung eines anderen. Das, was dich überzeugt, ist, wenn du es sehen kannst. Wenn du es nicht sehen kannst, dann bringen die besten Argumente nichts. Und falls doch, dann hast du einfach dein Ego gewechselt, aber nicht abgelegt. Wir halten an dieser kleinen, scheinbar stabilen Welt fest, weil sie uns Sicherheit suggeriert. Unser Ego suggeriert uns Stabilität und Sicherheit durch Wiederholung. Je öfter wir es wiederholen und je intensiver wir daran glauben, desto sicherer fühlen wir uns. Es ist scheinbare Sicherheit durch Selbsthypnose. Die hat natürlich mit der Hypnose durch andere begonnen, aber sie wurde zur Selbsthypnose, weil wir sie übernommen haben. Und wir haben sie nur deshalb übernommen, weil sie uns schneller Sicherheit bietet als der Weg durch die Unsicherheit.