Würde ist die Unabhängigkeit von Bewertungen. In der Gesellschaft wird das genau umgekehrt gesehen. Die meisten sind der Meinung, dass sie würdevoll behandelt werden müssen. Und das am besten sogar unabhängig davon, wie sie auf andere wirken. Sie machen sich damit also ein weiteres Mal von anderen abhängig und werden so zu einem leichten Opfer von Entwürdigung. Denn niemand behandelt dich angemessen und würdevoll. Das hat einen ganz einfachen Grund: Das kannst nur du. Du kannst dich selbst würdevoll behandeln. Das erreichst du zum Beispiel dadurch, dass du dich von Menschen, die dich würdelos behandeln, entfernst. Es hat keinen Wert, wenn du dich mit ihnen streitest und eine würdevolle Behandlung einforderst. Sie haben dir ja schon bewiesen, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Könnten sie dich mit Würde behandeln, hätten sie das von Anfang an getan. Sie können es offensichtlich nicht und es liegt an dir, die Konsequenzen zu ziehen. Der einzige Grund, warum wir das nicht machen, ist, dass wir Angst vor Einsamkeit haben. Wir wollen nicht alleine sein und lassen uns deshalb lieber würdelos behandeln. Deshalb denken wir auch, dass wir jederzeit eine Alternative brauchen. Sprich, wenn uns der eine nicht mit Würde behandelt, dann müssen wir sofort einen Ersatz suchen, der das tut. Und wir erwarten das von anderen, während wir uns selbst gegenüber noch nicht dazu in der Lage sind. Wir sind weder in der Lage, uns von Menschen zu trennen, die uns würdelos behandeln, noch sind wir unabhängig von ihrer Bewertung. Unabhängigkeit von Bewertung ist natürlich eine hohe Kunst, aber sobald wir das erreicht haben, gibt es keinen einzigen Menschen mehr, der uns würdelos behandeln kann. Damit das möglich ist, müssen wir an das glauben, was andere über uns behaupten. Diesen Glauben kannst du nicht einfach verdrängen. Das heißt, du kannst ihn natürlich schon versuchen zu verdrängen, aber es wird dir nicht lange gelingen. Es geht darum, diesen Glauben auszuhalten. Es geht um das Gefühl, das dieser Glaube in dir auslöst. Wenn dir zum Beispiel jemand Egoismus vorwirft, dann fühlst du das. Du fühlst es, weil du ihm glaubst. Und der Glaube selbst ist das Gefühl in deinem Körper. Würdest du nichts fühlen, würde es dich gar nicht treffen und du würdest es nicht glauben. Ohne Gefühl gäbe es gar keine Verbindung zwischen dir und dem Vorwurf. Und das gilt für jede andere würdelose Behandlung auch. Du interpretierst sie nur deshalb als würdelos, weil du etwas fühlst. Frei von diesem Gefühl lebst du schon immer in Würde. Abhängigkeit nimmt dir also immer die Würde. Und die größte Abhängigkeit, die es in unserem Leben gibt, ist unsere Abhängigkeit von unseren Körperempfindungen. Unabhängig davon werden wir aber nicht durch Verdrängung, sondern dadurch, dass wir in der Präsenz unserer Körperempfindung existieren können. Das ist die größte und missverstandenste spirituelle Übung, die es gibt. Und das ist aus einem ganz einfachen Grund so: Diese Übung ist immer unmittelbar. Es gibt keinen Zustand, den du erreichen musst, damit du diese Übung machen kannst. Es gibt keine einzige Voraussetzung. Es genügt, dass du existierst und fühlst. Wir leben in einer Zeit, in der es die wahnsinnige und absolut unmögliche Bestrebung gibt, jeden Trigger zu eliminieren. Das ist pure Geisteskrankheit. Denn dadurch setzt sich der Kampf in der Welt weiterhin fort — und zwar dadurch, dass sich niemand für seine Trigger selbst verantwortlich fühlt. Denn der Grund für Trigger liegt ja immer bei den anderen. In dieser Abhängigkeit ist kein würdevolles Leben möglich. Würde ist Unabhängigkeit.