Narzissmus ist Ego 2.0. Früher waren die anderen Egoisten. Heute sind sie Narzissten. Wir sind immer froh, wenn wir eine Erklärung haben, warum die anderen so sind. Und wir interessieren uns kaum dafür, warum wir so sind. Immer, wenn du dich darum kümmerst, wie die anderen sind, gehst du weg von dir. Du suchst eine Erklärung außerhalb von dir und damit bleibst du das Opfer deiner äußeren Umstände. Früher waren die Egoisten schuld, heute sind es die Narzissten, die die Schuld tragen. Wenn man so etwas öffentlich sagt, dann sticht man in ein Wespennest. Dieses Wespennest besteht aus Menschen, die eine Erklärung gefunden haben, warum es ihnen schlecht geht und wer schuld daran ist. Es geht ihnen nicht schlecht wegen sich selbst. Es geht ihnen auch nicht schlecht wegen ihrer eigenen Programmierung und den ungeliebten Gefühlen ihrer Kindheit. Es geht ihnen schlecht wegen den anderen. Sie haben jetzt auch endlich eine Schublade für ihre Mutter oder ihren Vater gefunden, denn mindestens einer von beiden war Narzisst. Die Menschen merken dabei gar nicht, wie weit sie das von sich selbst entfernt. Aber an diese Entfernung von uns selbst haben wir uns gewöhnt und deshalb gehen wir diesen Weg jedes Mal gerne wieder mit. Es hat in deinem Leben keinen Wert, wenn du weißt, wie und warum die anderen so sind, wie sie sind. Es würde dir aber unfassbar viel bringen, wenn du wüsstest, warum du so bist, wie du bist. Vor allem müsstest du herausfinden, wie du tatsächlich bist. Solange du dich um den Narzissmus und das Ego der anderen kümmerst, bist du in deinem Ego. Wir lieben das so sehr und wir sind so sehr daran gewöhnt, ständig nach außen zu schauen und eine Begründung dafür zu finden, warum wir behindert werden, wer uns von etwas abhält, was uns im Wege steht und wo all die bösen und schlechten Menschen sind, die uns von unserem Glück abhalten. Tatsächlich halten wir uns genau durch diesen Fokus selbst davon ab. Es bedeutet ja nicht, dass du nicht erkennen darfst, wie die anderen sind, aber ist es wirklich ein großer Unterschied, ob deine Mutter eine Narzisstin war oder ein Arschloch? Du denkst, du könntest verstehen, wie es ist und dadurch würde sich etwas verändern. Das kann sein, dass sich durch dieses Verständnis etwas verändert. Nachhaltig funktioniert es aber anders. Du musst erkennen, dass du unabhängig bist von allen Menschen. Und du musst die Prägungen erkennen, die du von ihnen übernommen hast. Und dann musst du etwas machen, wozu die meisten Menschen nicht in der Lage sind, teilweise auch dadurch, dass sie sich so sehr auf die Eigenschaften der anderen Menschen konzentrieren und ganz genau wissen, wie die sind, was die alles falsch machen und wie sie dich daran hindern, glücklich zu sein. Das verhindert nämlich, dass du bei dir anfängst. Und einfach mal schaust: "Wo könnte ich etwas anders machen, als ich es normalerweise mache? Wo könnte ich gegen meine eigene Programmierung gehen? Wann könnte ich meine Gefühle fühlen, statt wieder einmal zu diskutieren und zu streiten? Und warum glaube ich immer noch, dass die Welt oder die anderen mir etwas schuldig sind? Warum führe ich den Kampf meiner Eltern einfach weiter, statt mich von ihnen zu distanzieren und mein eigenes Leben zu leben?" Der Vorwurf, dass jemand egoistisch ist oder im Ego ist, ist genauso wenig hilfreich wie der Vorwurf, dass jemand Narzisst ist. Wir glauben dann immer nur für einen bestimmten Zeitraum, jetzt die Lösung gefunden zu haben. Und das fühlt sich gut an, weil wir auch wieder einmal die Verantwortung von uns weisen und anderen geben können. Das ist ein wunderbarer Mechanismus und das fühlt sich eine Zeit lang sehr gut an. Aber irgendwann merkst du dann, dass es dir nachhaltig gar nichts gebracht hat und dass du immer noch unter den gleichen Dingen leidest wie vorher. Das liegt daran, weil du dein Ego nicht verlassen hast. Und Teil deines Egos ist es, die Schuld bei anderen zu suchen. Und bitte versteh mich nicht falsch! Du darfst sauer und wütend sein und du darfst hassen. Unter der Wut und unter dem Hass wirst du unfassbare Traurigkeit finden. Es ist nämlich egal, wie man das nennt, wie man dich behandelt hat. Es ist nicht menschlich. Es ist kalt und brutal. Und da kannst du in den nächsten Jahren noch fünf oder zehn Begriffe dafür finden, wie man das nennt. Ob Ego oder Narzisst oder noch ein anderer Begriff spielt überhaupt keine Rolle. Die entscheidende Frage ist, ob du an die Gefühle rankommst, die du in deiner Kindheit verdrängt hast. Wenn du die fühlst, ist es egal, wie du den Auslöser nennst und welche psychische Störung er hatte. Dann merkst du auch, dass deine Gefühle keinen Namen haben. Sie sind Körperempfindungen, die in deiner Kindheit in dir abgespeichert wurden. Und der Vorwurf oder die Erklärung von Narzissmus ist nur ein weiterer Weg, um deine Gefühle nicht zu fühlen.