Den Verstand loswerden zu wollen ist eine hervorragende Verstandesaktivität. Nur der Verstand will den Verstand loswerden. Das liegt meistens daran, dass der Verstand bei einem Satsang oder Retreat von einem spirituellen Lehrer zugehört hat. Und da hat er was gehört und einen Eindruck bekommen, den er nicht mehr loswird. Er glaubt seitdem, er sei schlecht. Und deshalb will er sich selbst loswerden. Das führt zu einem Kampf des Verstandes gegen sich selbst. Und da Kämpfe immer im Verstand stattfinden, sorgt das für mehr Verstand statt für weniger. Mit dem Verstand ist ja nicht deine Fähigkeit zu denken gemeint. Es ist sogar das Gegenteil davon gemeint: Der Verstand ist deine Unfähigkeit zu denken aufgrund von automatisierten Gedanken. Oft sind das Angstgedanken in unterschiedlichen Schattierungen. Zum Beispiel die Angst zu versagen oder vor anderen schlecht dazustehen. Den Verstand ignorieren zu können bedeutet, die Fähigkeit zu entwickeln, diese Gedanken zu ignorieren. Das bedeutet gleichzeitig die Fähigkeit zu entwickeln, gegen diese Gedanken zu handeln. Und zwar nicht, um ein äußeres Ziel zu erreichen, sondern nur deshalb, um dich selbst herauszufordern. Um deinen Verstand herauszufordern. Menschen, die versuchen, ihren Verstand loszuwerden, kämpfen gegen eine Illusion. Du kannst ihn eher so sehen, als wäre es ein verrückter Onkel, der dich begleitet. Er hat immer irgendwelche wichtigen Hinweise. Er weiß alles besser als du. Er läuft total schlau und hochmütig neben dir her. Und er meint zu wissen, was gut für dich ist und was nicht. So gesehen ist er ein kompletter Hochstapler. Verrückterweise erklärt er aber dir, dass du der verrückte Onkel bist, falls du ein einziges Mal etwas gegen seinen Rat machst. Er fordert von dir vollkommenen Gehorsam. Und damit du ihn ganz sicher nicht loswirst, versucht er das selbst. Und das kündigt er auch an. Er sagt dir: "Heute werden wir mich los. Heute geht es darum, den Verstand loszuwerden." Dieser Kampf ist nur eine weitere Programmierung deines Verstandes. Er ist überhaupt nicht notwendig, denn es genügt vollkommen, wenn du aufmerksam bist. Falls dir die verrückten Gedanken nicht auffallen, kannst du sie aufschreiben. Ich musste das nie tun, denn mir sind sie immer aufgefallen. Und mir fallen sie auch jetzt alle noch auf. Manche sind bewusster, andere sind unbewusster. Die vollkommen unbewussten können mir natürlich nicht auffallen, deshalb muss ich mich mit denen auch nicht stressen. Und die anderen verlieren ihre Macht, wenn ich sie mir bewusst mache. Vieles von dem, was in der äußeren Welt wirkt und wo wir andere dafür verantwortlich machen, ist vollkommen unbewusst. Und die Art und Weise, wie wir den Menschen klarmachen möchten, dass sie doch bewusst werden sollen und dass es ihnen doch klar sein muss, funktioniert offensichtlich nicht. Denn wie machen wir das meistens? Wir machen es über Vorwürfe. Wir sagen dem anderen, dass er das, was wir sehen, doch auch sehen können muss. Kann er aber nicht, sonst wäre es nicht unbewusst. Und so hart, wie wir mit anderen ins Gericht gehen, gehen wir auch mit uns selbst um. Wir machen uns und unserem Verstand Vorwürfe. Und sogar dieser Teil kann unbewusst sein. Es kann sein, dass wir diese Vorwürfe uns selbst und unserem Verstand gegenüber überhaupt nicht mitbekommen. Denn wir halten es zum Beispiel für vollkommen normal, zu uns selbst zu sagen, dass wir wieder einmal versagt haben. Oder wir denken die ganze Zeit, dass wir es nicht richtig machen. Ganz egal in welchem Bereich. Meistens kommunizieren wir das nicht nach außen, aber in uns läuft das ab. Eine beliebte Gegenreaktion ist von vielen, dass sie dann einfach sagen: "Ich mache alles richtig", was so nicht ganz stimmt und was die meisten auch merken. Sie versuchen zwar, zu sich zu stehen und zu sagen, dass sie keine Fehler machen oder dass alles immer richtig läuft, aber es sind tatsächlich Zweifel in ihnen. Es geht also nicht darum, was du dir selbst oder anderen gegenüber behauptest. Es geht darum, wie du es fühlst. Und solange diese Zweifel an dir nagen, während du nach außen versuchst, etwas anderes darzustellen, solange ist das eher eine Maskenparade. Die Idee, etwas falsch zu machen, musst du aber gar nicht mit Unfehlbarkeit kompensieren. Und das funktioniert darüber, dass du mit deiner Fehlbarkeit in Frieden fällst. Der Verstand hat wenige Mittel zur Verfügung. Eines seiner wichtigsten Mittel ist, dir zu sagen, dass du falsch bist oder es falsch machst. Er gibt dir unterschwellig das Gefühl, ein Versager zu sein. Es gibt kaum etwas anderes, mit dem er dich so fest im Griff hat. Denn die meisten Menschen wollen nicht zugeben, dass es sein könnte, dass sie ein Versager sind. Weder sich selbst gegenüber und schon gar nicht anderen gegenüber. Dir selbst gegenüber zuzugeben, ein Versager zu sein, ist also eine der maximal entspannendsten Dinge, die du dir selbst sagen kannst. Auch das muss natürlich echt sein. Es darf nicht in den Worten verankert sein, sondern es muss sich in deinem Gefühl zeigen. Und du kannst das natürlich auch mit anderen üben. Indem du bei Vorwürfen zugibst, dass du versagt hast. Für die meisten Menschen ist das dummerweise eine große Herausforderung, weil du als Reaktion sehr wahrscheinlich etwas bekommst, womit du nicht gerechnet hast. Stell dir einfach vor: Du wirfst jemand etwas vor und er gibt zu: "Ja, es tut mir leid. Ich habe versagt." Das ist nicht das, was der andere hören will, denn der andere hat sich gerade auf einen Streit eingestellt. Menschen, die dir dann vergeben, zeigen wahre Größe. Denn die meisten sind irritiert. Und einige davon werden versuchen, ihre Irritation nicht zu zeigen. Das ist zumindest meine Hypothese aus eigener Erfahrung. Du kannst es ja mal selbst bei dir überprüfen. Du merkst dann sehr schnell, in welchem Umfeld du dich bewegst, welche Menschen dich umgeben und wie sehr sie eigene Fehler zugeben können. Denn dein ehrliches Eingeständnis an deine Fehlbarkeit erinnert sie an ihre eigene Fehlbarkeit. Statt also den Verstand loswerden zu wollen oder gar zu bekämpfen, kannst du ihn einfach mit diesen kleinen Übungen herausfordern.