Gefühle können nicht verletzt werden. Ganz im Gegenteil. Gefühle können nicht verletzt werden, aber sie können ausgelöst werden. Das ist ein großer Unterschied. Wenn ich sage: "Jemand hat meine Gefühle verletzt", dann meine ich damit: "Er hat Gefühle in mir hervorgerufen, die ich nicht gut finde, die ich nicht fühlen will." Wenn ich sage: "Das ist verletzend, was du sagst", dann meine ich damit, dass ein Gefühl in mir ausgelöst wurde, das ich schon als Verletzung kenne, das mir weh tut, das sich nicht gut anfühlt und das ich aus diesem Grund unterdrücken will. Deshalb beschwere ich mich darüber, statt es zu fühlen. Und wir beschweren uns nicht nur bei demjenigen, der die Gefühle ausgelöst hat, sondern wir besprechen das dann auch mit unseren Freunden und in der Familie und wir suchen Menschen, die unserer Einschätzung zustimmen. Unsere Einschätzung, dass das verletzend ist und dass man das nicht macht, dass man so etwas nicht sagt. Genau genommen sind nicht unsere Gefühle verletzt, sondern unser Ego. Das ist der Teil, der sich gegenüber anderen behaupten will, der sich verteidigen will, der erklären möchte, dass es so nicht ist, dass du so nicht bist. Würdest du das tatsächlich wissen und auch leben, dann würdest du es nicht glauben und dann könnten Aussagen über dich deine Gefühle nicht verletzen. Das Problem ist nicht, dass diese Aussagen wahr sind. Das Problem ist meistens, dass du diese Aussagen glaubst. Und du glaubst sie, weil sie verletzend wirken. Du glaubst sie, weil Gefühle in dir ausgelöst werden, die du nicht fühlen willst. Du glaubst sie, weil es dir deine Eltern schon auf ganz ähnliche Art und Weise gesagt haben. Und ein Teil von dir glaubt sie sogar noch dann, wenn du weißt, dass es nicht so ist. Dieser Teil ist deine Programmierung, dein Ego. Das ist nichts Schlimmes und schon gar nichts Böses. Das ist auch nichts, was du so leicht loswerden kannst. Aber das ist etwas, das du dir immer dann anschauen kannst, wenn du verletzt bist, wenn du dich aufgrund der Aussagen anderer nicht gut fühlst. Und "Anschauen" bedeutet in diesem Zusammenhang nicht darüber nachdenken, sondern fühlen. Vollkommen präsent sein und ganz genau nachschauen: Wo im Körper fühlst du das? Das ist es. Das ist deine Programmierung. Das ist dein Unterbewusstsein. Das ist das, was du sonst nicht mitbekommst, weil du es nicht mitbekommen willst. Es ist zu schmerzhaft. Einige wenige haben das Glück, dass ihr Ego einfach weggefallen ist. Und einige Menschen nehmen dafür LSD oder Psychedelika. Das Dumme daran ist, dass dein Ego zurückkommt, wenn die Wirkung nachlässt. Dann hast du einen harten Kontrast zwischen "frei von Ego" und "zurück im Ego". Wenn Spiritualität von Substanzen abhängig ist, dann ist es keine gelebte Spiritualität. Spiritualität zu leben ist eine ganz andere Hausnummer. Das musst du nämlich bewerkstelligen, während du nüchtern bist. Wenn du das nüchtern nicht übst und trotzdem immer wieder in den egofreien Zustand zurück willst, bist du abhängig. Wenn also deine Gefühle verletzt werden, dann ist das eine hervorragende Möglichkeit, das zu üben, wofür andere Substanzen brauchen. Es wird das ausgelöst, was du nie wieder fühlen wolltest. Das ist nicht angenehm und deshalb würden wir es freiwillig niemals wählen. Es gibt ja auch eine spirituelle Gegenbewegung dazu, obwohl ich die nicht als "Spiritualität" bezeichne, denn die wollen den Teil verdrängen durch gute Gefühle und ganz viel Licht und Liebe. Sie wollen manifestieren, was das Zeug hält, nur damit sie die anderen gegenteiligen Gefühle nie wieder fühlen müssen. Deshalb gibt es immer wieder eine neue Mode und neue Säue, die durchs Dorf getrieben werden. Aktuell ist das das Thema "Narzissmus". Da sind diejenigen, die die negativen Gefühle in mir auslösen, einfach böse Narzissten. Es war schon immer einfacher, die anderen zu analysieren, statt sich selbst. Und es war auch schon immer einfacher, den anderen die Schuld für die eigenen Gefühle zu geben, statt die Gefühle im Körper wahrzunehmen. Aber dafür sind sie da. Sie wollen nichts anderes als deine Aufmerksamkeit, damit du heilen kannst. Gefühle können also nicht verletzt werden. Ganz im Gegenteil: Sie können geheilt werden.