Du kannst dein Ego nur dann entdecken, wenn du bereit bist, alles zu fühlen, ohne zu denken und ohne zu handeln. Und genau das will dein Ego nicht zulassen. Es ist der Teil, der dir sagt, dass du darüber nachdenken oder etwas tun musst. Er sagt dir, dass du das nicht einfach so stehen lassen kannst. Du musst kommentieren und protestieren, denn dadurch veränderst du angeblich die Welt. Die meisten Menschen glauben das wirklich. Sie haben nie überprüft, ob das stimmt. Sie denken und handeln einfach weiterhin programmiert. Selbst dann, wenn sie bereit sind, nach innen zu gehen, dann machen sie das in ihrer Freizeit und nicht im echten Leben. Sie meditieren dann und denken, das sei Spiritualität. Aber welchen Wert hat Spiritualität, wenn du sie in deinem ganz normalen Leben nicht anwenden kannst? Das bedeutet übrigens überhaupt nicht, dass du perfekt sein musst. Ganz im Gegenteil. Du darfst scheitern. Denn es bedeutet, dass du es trotzdem versuchst, auf die Gefahr hin zu scheitern. Etwas perfekt zu können, ist gar nicht das Ziel von Spiritualität. Dich selbst in jeder Situation beobachten zu können, ist der Beginn von Spiritualität. Denn wenn du dich ehrlich beobachtest, dann erkennst du automatisch dein Ego, dann ist das keine Theorie mehr, sondern deine gelebte Praxis. Du weißt jetzt, was mit Ego gemeint ist. Das bist nicht du. Das sind all deine Programme. Und diese Programme bestehen aus automatisierten Gedanken und Handlungen. Es ist auch das, was du zum Beispiel im Streit erwiderst. Und das machst du nur, weil du nicht fühlen willst. Übrigens, falls du im Streit nichts sagst oder nicht reagierst, bedeutet das noch lange nicht, dass du fühlst. Es kann auch sein, dass du einfach schweigend verdrängst. Die Mechanismen, die in dir wirken, kannst du nur entdecken, wenn du nicht mehr automatisiert reagierst oder denkst. Solange du dich in Gedanken oder Handlungen verlierst, kann dein Ego schalten und walten, wie es will. Es geht überhaupt nicht darum, kein Ego mehr zu haben. Es geht darum, es beobachten zu können. Und beobachten kannst du es nur dann, wenn du alles ignorierst, was dich ablenkt. Das Ignorieren dieser Ablenkung ist die härteste Übung, die ich kenne. Sie legt dein Ego schonungslos offen. Das bedeutet nicht, dass es sofort verschwindet. Es muss auch nicht sofort verschwinden. Denn du kannst es jetzt wahrnehmen. Du kannst es sehen. Du weißt, was es ist. So lernst du dich besser kennen und du weißt jetzt auch, was in dir wirkt und wie es in dir wirkt, wovon es dich abhält und wozu es dich auffordert. Es macht überhaupt nichts, wenn dieses "immer wieder neu entdecken" ein lebenslanger Prozess bleibt. Vielleicht fällt es auch irgendwann ganz weg. Aber das ist jetzt nicht entscheidend. Jetzt ist nur wichtig, dass du es beobachten kannst.