Weder Kritik noch Lob sind hilfreich, denn sie treffen nicht den Kern deines Wesens. Der Kern deines Wesens muss weder kritisiert noch gelobt werden. Beides bringt dir nichts. Wir versuchen nur mit dem Lob die Kritik wieder auszugleichen. Wenn du nicht kritisiert wirst, brauchst du auch nicht gelobt werden. Und falls das nicht verständlich ist, wird es mit der Übersetzung sofort klar. Wer nicht heruntergemacht wird, muss auch nicht aufgebaut werden. Wir brauchen das Lob nur, weil wir kritisiert haben. Und wir brauchen die Kritik nur, weil wir gelobt haben. Und natürlich fühlt sich Lob gut an, aber wenn du es brauchst, bist du abhängig und wenn du abhängig bist, machst du nicht das, was du machen solltest. Wir denken ja oft, dass wir nicht gesehen werden und wir denken das häufig, wenn wir kritisiert werden. Tatsächlich sehen uns die, die uns loben, auch nicht. Ich werde zum Beispiel immer wieder dafür gelobt, dass ich direkt ausspreche, was ich gerade denke. Und während das ein schönes Lob sein kann, merke ich, dass es gar nicht stimmt. Ich kenne dieses direkte Aussprechen von dem, was ich gerade denke, nämlich in zwei Phasen meines Lebens. Ich könnte auch sagen, in zwei Grundhaltungen meines Lebens. Und ich weiß gar nicht, wie ich die beschreiben soll. Am ehesten wohl damit: Ich habe früher alles offen und direkt angesprochen, war aber selbst im Ego. Und ich spreche die Dinge jetzt immer öfter offen und direkt an. Ich kann dir nicht immer sagen, ob es vollkommen frei von Ego ist, aber ich fühle einen Unterschied zu früher. Du hast ja wahrscheinlich schon mitbekommen, dass ich gar kein großer Freund von radikaler Ehrlichkeit bin, denn das Ego kann das wunderbar missbrauchen. Du musst nicht jeden Scheiß aussprechen, den du gerade denkst. Damit das Direkte und Ehrliche hilfreich ist, braucht es etwas, das die meisten Menschen nicht haben oder nicht praktizieren. Und wenn du dann einfach pauschal alle lobst, die ehrlich und direkt sind, dann kann es sein, dass du auch Verhalten förderst, das für niemanden wirklich hilfreich ist. In deinem Wesenskern wünschst du dir weder Lob noch Kritik. Du wünschst dir Verbindung. Du möchtest auf fruchtbaren Boden fallen. Und kaum etwas anderes ist derart frustrierend, wenn dir das nicht gelingt. Das ist bei den meisten Menschen das Drama und Trauma ihrer Kindheit. Die meisten Kinder sind nicht auf fruchtbaren Boden gefallen und wurden verwaltet. Und die verbreitetste Form der Verwaltung ist Lob und Kritik. Dadurch definieren andere, wie du bist und es wird dir von außen klar gemacht, welches Verhalten erwünscht und welches Verhalten nicht erwünscht ist. Das ist klassische Bürokratie, bürokratische Verwaltung. Andere sind angeblich objektiver als du und können dir sagen, was gewollt und was nicht gewollt ist. Und so wirst du mit Zuckerbrot und Peitsche dressiert. Wenn dir das klar wird, dass du dressiert wurdest, dann ist es auch verständlich, wenn es aus dir herausbricht. Da willst du dann auch einmal ordentlich auf den Tisch hauen. Ich möchte dir dieses Recht überhaupt nicht absprechen. Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass das ja auch wieder Kritik ist. Meiner Erfahrung nach effektiver ist, wenn du dich abwendest. Wenn dich jemand kritisiert, dann bringt es wenig, wenn du zur Gegenkritik übergehst. Es funktioniert einfach nicht, Kritik mit Kritik zu bekämpfen. Aber es funktioniert, wenn du mit den Menschen, die dich kritisieren, nicht mehr sprichst. Unser Ego hat entweder einen immensen Drang, sich zu verteidigen oder ist auf Rückzug programmiert. Ein paar Mal das Gegenteil unserer Programmierung zu tun, kann hilfreiche Einblicke geben. Wenn du dich normalerweise zurückziehst, haust du auch einmal auf den Tisch und wenn du normalerweise immer auf den Tisch haust, ziehst du dich zurück. Das ist aber nicht das Endergebnis. Das Ergebnis kennt niemand. Du weißt nicht, was daraus dann entsteht. Aber es könnte sein, dass du den Kern deines Wesens entdeckst und feststellst, dass dieser Kern weder durch Lob noch durch Kritik richtig beschrieben wird. Der Kern deines Wesens möchte wirken dürfen. Nicht künstlich, sondern auf seine ganz natürliche Art und Weise, vor allem aber frei von Lob und Kritik.