Freiheit funktioniert nur ohne Netz und doppelten Boden. Freiheit funktioniert nur unsicher. In Sicherheit frei sein gibt es nicht. Genauso wenig wie in Freiheit sicher sein. Es ist egal, wer dich in Sicherheit wiegt, wer dir Sicherheit verspricht oder wer dir Sicherheit gibt, es ist nie zu deinem Besten. Es führt mindestens in eine Abhängigkeit und meistens lernst du dabei überhaupt nichts. Solange du die Möglichkeit hast, in etwas zurückzufallen, kannst du dein Leben nicht vollkommen kennenlernen. Solange du nicht bereit bist, dich ohne Netz und doppelten Boden fallen zu lassen, lernst du das echte Netz und den echten doppelten Boden des Lebens niemals kennen. Einige Spirituelle reden es sich künstlich ein, wie wertvoll und unersetzbar sie sind, ohne dass sich das in ihrem Leben tatsächlich widerspiegelt. Da wird dann die Illusion, das Abdriften ins La La Land, zu einem imaginären Netz und doppelten Boden. Sie entwickeln einen falschen spirituellen Stolz, weil sie sich mit der Härte ihres Lebens nicht mehr auseinandersetzen wollen. Die Welt und besonders die Arbeitswelt ist hart. Die kannst du dir spirituell nicht schönreden. Du musst sie wahrhaftig erleben. Du darfst deine erlebte Realität nicht mehr verdrängen. Viel zu viele Menschen nutzen die Spiritualität so wie andere Drogen. Es ist ihre Flucht aus dieser harten Welt. Die einen saufen sich die harte Welt schön, die anderen erklären sie sich spirituell schön. Und das, während sie diese Welt tatsächlich vollkommen anders erleben. Sie erleben sie hässlich, stressig, unangenehm. Das bedeutet aber nicht, dass die Welt so ist. Es bedeutet, dass sie so sind. Das ist kein Vorwurf, nur eine Tatsache. Es ist auch überhaupt nicht schlimm, das festzustellen. Denn wenn es stimmt, dann ist es eine sehr, sehr frohe Botschaft. Denn unter der bisherigen Prämisse, dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen, müssten wir ja die Welt verändern. Und jeder, der das schon einmal versucht hat — und das sind die meisten, hat gemerkt, dass das nicht geht. Deshalb wurden wir sarkastisch, zynisch und depressiv. Wenn die Welt so ist, wie wir sind, dann können wir sie verändern. In uns. Das funktioniert aber nicht dadurch, dass wir sie uns schönreden. Es funktioniert dadurch, dass wir sie das erste Mal so erleben, wie sie wirklich ist. Und sie ist so, wie wir uns fühlen. Erst wenn wir vor diesen Gefühlen nicht mehr davonlaufen, kann sich das erste Mal in unserem Leben etwas substanziell verändern. Wenn wir keine spirituellen Drogen mehr nehmen und uns unser Leben und die Welt nicht mehr schönreden, kommen wir am Ausgangspunkt an. Das ist der Start unserer Reise. Bisher waren wir verloren und haben den Startpunkt überhaupt nicht gefunden. Deine tatsächlich erlebte Realität ist der Ausgangspunkt für alles. Missbrauche die schön klingenden Worte der Spirituellen nicht, um diesen Ausgangspunkt weiterhin nicht zu finden. Lass den Verstand deinen spirituellen Weg nicht übernehmen. Er wird die spirituellen Worte genauso gegen dich verwenden wie bisher die weltlichen. Widerstehe dieser unglaublichen Illusion, dass sich die Welt oder die Arbeitswelt an deinen inneren Wert anpassen muss. Das ist spirituelle Überheblichkeit und spiritueller Stolz. Das kann nicht funktionieren. Nichts und niemand muss sich mir anpassen. Niemand muss verstehen, wie ich bin. Es ist nicht nur nicht notwendig, es ist überhaupt nicht möglich. Denn dann wäre ich spirituell und würde mich damit beschäftigen, wie die Welt mich sieht. Also wäre ich nicht mehr spirituell dadurch, dass ich spirituell bin. Was das spirituelle Ego produziert, ist kaum zu erfassen und auch kaum auszuhalten, wenn du es mal sehen kannst. Es ist an Absurdität gar nicht zu überbieten, weil sich das spirituelle Ego durch solche Aussagen wie die von mir sogar noch angegriffen fühlt. Es will einfach nicht begreifen, dass Spiritualität nicht das Abdriften ins La La Land ist, sondern ganz im Gegenteil: Spiritualität ist die Konfrontation mit deiner harten, erlebten Realität. Solange du diese harte Realität mit irgendeiner scheinbaren Sicherheit oder irgendeiner Droge verdrängst, kannst du nicht spirituell sein. Das ist der Weg, der die meisten so sehr ankotzt, dass sie ihn nicht einmal versuchen. Freiheit funktioniert nur unsicher und Freiheit muss auch immer frei von Wahn sein. Jede eingebildete spirituelle Vorstellung steht der Freiheit im Weg.