Alles, was du gerne bekämpfen würdest, ist zum Fühlen da. Alles, was dazu führt, dass du gegenteilige Wünsche hast, ist zum Fühlen da. Wenn du dir Frieden wünschst, fühle zuerst den Krieg in dir. Wenn du dir Fülle wünschst, fühle zuerst den Mangel. Immer wenn du etwas gerne wegmachen, wegwünschen, wegzaubern oder auflösen würdest, ist es zum Fühlen da. Die meisten Menschen sind im Widerstand zum Leben und merken es noch nicht einmal. Sie verkaufen diesen Widerstand sich selbst und anderen gegenüber sogar noch als Herzenswünsche. Wahlweise nennen sie es auch Hochsensibilität und da drehen die sogenannten Hochsensiblen gleich durch. Sie haben sich in ihr Label verliebt, ihre neu geschaffene Schublade, in die sie doch alle angeblich nicht mehr gerne gesteckt werden — in die stecken sie sich selbst. Immer wenn du durchdrehst, identifizierst du dich mit etwas, das du nicht bist. Deshalb ist alles, womit du im Widerstand bist, zum Fühlen da. Nicht weil es dann besser wird, sondern damit es endlich mal so sein darf, wie es tatsächlich ist. Du beendest damit deine Flucht. Ein Gefühl nach dem anderen. Spiritualität ist die Erkenntnis, dass nichts mehr kommt, was du nicht schon kennst. Es kommen Gefühle, Widerstand zu Gefühlen und Hingabe an Gefühle. Es geht nicht darum, das alles aufzulösen, sondern darum, alles fühlend im Körper wahrzunehmen. Die Idee, dass da noch etwas Besonderes kommt, ist das Gegenteil von Spiritualität. Die Hoffnung und der Wunsch, dass sich alle Widerstände einfach so auflösen, stehen im Widerspruch zu deiner Spiritualität. Spirituell zu sein bedeutet, alles erleben zu können und zu wollen. Das Gegenteil davon ist, wünschend davonzulaufen. In dieser Welt aber leben wir und in dieser Welt leben deshalb auch die meisten Spirituellen. Sie glauben ernsthaft, Spiritualität sei, den Druck, den sie fühlen, aufzulösen. Deshalb haben sie in den vergangenen Tagen alle Texte geschrieben, die ganz ähnlich klingen. Zum Beispiel: "Du darfst dich auch einmal selbst loben für alles, was du geschafft hast. Du darfst dankbar auf vergangene Erfahrungen schauen. Du darfst alles hinter dir lassen, was dich beschwert. Du darfst mutig ins neue Jahr schreiten." Merkst du, dass sie dir alle den gleichen Scheiß erzählen und dich mit ihrer Wohlfühlspiritualität in die Irre leiten und verarschen? Ist dir klar, dass es nur einen Teil in dir gibt, der auf so etwas anspringt? Das ist der Teil, der dir erzählt, dass du schon lange genug gelitten hast. Paradoxerweise ist das auch der Teil, der dich leiden lässt. Wenn du spirituell bist, ist diese Flucht nicht mehr notwendig. Aber nicht deshalb, weil du jetzt depressiv, sarkastisch oder aggressiv bist, sondern weil es vollkommen überflüssig geworden ist, dich zu beruhigen. Du bist aufgeregt, wenn du aufgeregt bist. Und du bist entspannt, wenn du entspannt bist. Dafür sind keine guten Wünsche und keine guten Vorsätze notwendig. Du hast einfach nur das bisherige Spiel umgedreht. Bisher dachtest du: "Alles, was hier ist, muss bekämpft werden." Jetzt weißt du: "Alles, was ich gerne bekämpfen würde, ist zum Fühlen da."