Geduld ist die Abwesenheit von Ungeduld. Geduld existiert nicht. Sie ist keine Anwesenheit, sondern eine Abwesenheit. Wenn wir uns Geduld wünschen, wünschen wir uns die Abwesenheit von Ungeduld. Wenn du das erkennen kannst und dir dadurch klar wird, wie verrückt beziehungsweise falsch unsere Wünsche sind, wie wenig wir wissen, was wir uns wünschen, dann wird dir auch klar, wie wenig es bringt, wenn sich unsere Wünsche erfüllen. Es gab noch nie einen Menschen mit Geduld. Es gab immer nur Menschen, die keine Ungeduld hatten und das bedeutet nur, dass sie keinen Druck gefühlt haben. Und weil sie keinen Druck gefühlt haben, haben sie ihre Stimme nicht erhoben, konnten die gleiche Frage wieder und wieder beantworten und sind unabhängig von dem scheinbaren Druck ruhig geblieben. Der scheinbare Druck ist der Druck, den die anderen, die das Szenario beobachten, hineininterpretieren. Das ist der Druck, den sie fühlen würden, wenn sie in der Situation wären. Und weil sie wissen, was sie fühlen würden oder zumindest, weil sie denken, dass sie wissen, was sie fühlen würden, interpretieren sie denjenigen, der dabei ruhig bleibt, als geduldig. Den scheinbar positiven Zustand von Geduld gibt es aber nicht. Er ist nicht geduldig. Er ist nur nicht ungeduldig. Das kann damit zusammenhängen, dass er nichts mehr vorhat. Und diesen Zustand gibt es dauerhaft. Die Spirituellen nennen das Leben im Hier und Jetzt. Jemand, der im Hier und Jetzt lebt, ist nicht ungeduldig. Das ist keine herausragende Eigenschaft, sondern lediglich eine Begleiterscheinung. Das kommt dir auch überhaupt nicht besonders vor, denn es ist ja gar nichts. Es ist nur eine Abwesenheit dessen, was dich bisher gestört hat. Und was dich bisher gestört hat, waren Gedanken. Gedanken an die Zukunft, was du noch machen musst und dass das hier jetzt doch gerade viel schneller gehen könnte und wie nervig diese Nachfrage ist und wie doof das ist, dass er es überhaupt fragt, weil du hast ja schon die gleiche Frage mindestens dreimal beantwortet. Dabei ist dir nicht aufgefallen, dass diese Gedanken aus einem einzigen Grund existieren: dem Gefühl von Druck in deinem Körper. Diesen Druck wolltest du nicht fühlen und um dich abzulenken, hast du Gedanken produziert. Und das ist natürlich ein Automatismus, auf den du erst einmal keinen Einfluss hast. Je mehr du in der Lage bist, diese Körperempfindung zu fühlen, desto mehr merkst du, dass du auf diesen Automatismus gar keinen Einfluss haben musst. Dieser Automatismus erledigt sich nämlich von selbst, wenn du bereit bist, das wahrzunehmen, was hier ist. Was wir also bei geduldigen Menschen tatsächlich bewundern, ist ihre Fähigkeit, ihre Gefühle zu fühlen oder auch die Abwesenheit von Gefühlen in Situationen, die bei uns Druck auslösen. Statt uns zu wünschen, so zu werden wie die anderen, könnten wir einfach unsere Realität erleben und anerkennen. Wenn wir die Realität unserer Ungeduld bewusst erleben, ergibt sich die Chance, dass sie wegfällt.