Alle versuchen den Verstand zu beruhigen. Es sind nur die Methoden, die fragwürdig sind. In der Spiritualität gibt es das gleiche Phänomen wie in der Medizin. Es gibt Ursachenforschung und Symptombehandlung. In der modernen Spiritualität werden fast nur Symptome behandelt. Und falls die Ursachen ausnahmsweise einmal mit angeschaut werden, dann nur in der Theorie, weil der Behandler, in dem Fall der spirituelle Coach, alles nur aus der Theorie kennt. Alle angeblichen Werkzeuge, alle Übungen, jede Methode, jede geführte Meditation, jedes Gebet, alles, was du präsentiert bekommst in der Spiritualität, ist nur darauf ausgerichtet, deinen Verstand zu beruhigen. Und das ist an sich nichts Verkehrtes, sondern sogar etwas sehr Positives. Es geht darum, deinen Verstand zu beruhigen. Dazu musst du aber in der Lage sein, ihn zu beobachten, um ihn kennenzulernen. Wenn du ihn gar nicht kennst oder fälschlicherweise für dein Herz hältst, dann kannst du auch nicht die richtige Beruhigungsmethode finden. Die meisten versuchen lediglich, den Verstand zu besänftigen. Sie versuchen ihn zufriedenzustellen. Sie lassen ihn wünschen, was er will. Und sie suchen dann eine spirituelle Methode, wie sie ihm diese Wünsche erfüllen. Oder sie lassen ihn quatschen, was er will und sie geben ihm dann spirituelle Glaubenssätze. Alternativ auch ein bisschen Psychologie oder Philosophie. Doch niemand zeigt dir, wie der Verstand funktioniert und dass du ihn getrost ignorieren kannst. Spiritualität wird auf der Verstandesebene weitergeführt. Es wird gegenüber dem Verstand weiterhin mit Lob und Tadel gearbeitet, also mit dem Zuckerbrot und der Peitsche, die du schon aus deiner Kindheit kennst. In der modernen Spiritualität entwickeln wir ein Stockholmsyndrom gegenüber unserem Verstand. Wir ahnen zwar, dass er der Täter ist, aber wir wollen uns mit ihm arrangieren. Folglich haben die Lehrer der modernen Spiritualität vor nichts mehr Angst, als dem Verstand zu widersprechen. Und so verbünden sie sich mit dem eigentlichen Täter. Sie verbünden sich mit dem Teil, der Spiritualität unmöglich macht. Das ist eine beschissene Allianz, die kaum jemand auffällt. Das geht ja auch gar nicht, denn der Verstand, der mit in die Spiritualität genommen wird, kennt gar nichts anderes. Und so wird er weiterhin mit kleinen Häppchen gefüttert und das wird ihm als Spiritualität verkauft. Der freut sich natürlich und will mehr davon. Also bucht er einen Kurs nach dem anderen. Er will nicht bei einem Kurs oder einem Lehrer, der ihn anhält, anhalten. Er will immer mehr. Er will mehr wissen über Spiritualität. Er will mehr Übungen, mehr Methoden, länger meditieren, tiefer eintauchen, immer mehr und mehr erreichen. Er will nicht da stehenbleiben, wo du gerade bist. Das empfindet er als den Tod. Und das ist er auch. Aber für ihn, nicht für dich. Denn sobald du wirklich anhältst, verliert er die Macht über dich. Das ist aber gar nicht so einfach zu lehren und vor allem verkauft sich das nicht gut. Denn derjenige, der dir das anbieten möchte, hat den größten Gegner gegen sich. Und da derjenige, der das anbietet, ganz sicher nicht mehr um deine Aufmerksamkeit kämpft, kommen nur die, die das langsam verstehen, die sich langsam, aber sicher öffnen und die bereit sind, ihren eigenen Verstand zu entlarven. Der Verstand wird dadurch im ersten Schritt überhaupt nicht ruhig, sondern immer aufgewühlter. Das Stockholmsyndrom, also die Verbindung mit dem Täter, wirkt immer intensiver. Du bekommst das Gefühl, man will dir etwas wegnehmen. Etwas, an das du dich so sehr gewöhnt hast, dass es schmerzhaft ist, wenn es dir genommen wird, obwohl es dir nicht gut tut. Und weil das kaum jemand erleben will, sind alle damit beschäftigt, deinen Verstand zu beruhigen. Sie geben dir Entspannungsmethoden, aber keine Anleitung für deinen Weg in die Freiheit.