Radikal. Woran denkst du, wenn du dieses Wort hörst? Welche Bilder kommen dir in den Sinn? Denkst du an extreme Menschen? Oder denkst du an gewalttätige Menschen? Ich bin kein Sprachpolizist, aber die Bedeutung der Worte und die Bedeutung, die wir den Worten geben, sind zwei verschiedene Welten. Das Wort 'radikal' kommt von 'radice' oder 'radix'. Und es bedeutet 'Wurzel'. Ein radikaler Mensch ist also nicht extrem und vor allem nicht gewalttätig. Extrem ist er höchstens im Verhältnis zu seinem Umfeld. In einer Welt, in der alle an der Oberfläche bleiben, erscheint der radikale Mensch extrem. Wenn wir aber zur Wurzel allen Übels kommen wollen, dann müssen wir zu unserer Wurzel kommen. Wir müssen nicht nur den schönen, sondern auch den hässlichen Teil unseres Kerns entlarven. Das, was in unserem Innersten angelegt ist und vor sich hin schlummert. Denn diesen Teil projizieren wir nach außen. Deshalb gibt es gierige Unternehmer, korrupte Politiker und andere gewalttätige Herrscher. Die Wurzel allen Übels ist nicht in den anderen. Sie liegt in uns. Und unserem Ego gefällt das überhaupt nicht. Deshalb versprüht es lieber Licht-und-Liebe-Glitzer und Feenstaub, als sich radikal sich selbst zuzuwenden. Denn an deiner Wurzel existiert das Ego nicht. Um diese Wurzel zu erreichen, musst du aber durch einige Schichten durch, die sich so unangenehm anfühlen, dass du dich selbst davon abhältst. Die wichtigsten Schichten sind Gedanken, Körperempfindungen und automatisierte Handlungen. Wir sagen dazu: "Ich kann nicht aus meiner Haut." Wir sehen uns also als Gefangene unserer inneren Umstände. Von diesen Umständen können wir uns nicht durch Heilung der anderen befreien. Das geht nur, wenn wir uns selbst heilen. Und Heilung geschieht immer nur an der Wurzel und von der Wurzel aus. Und dort sind nicht andere Menschen oder deine Lebensumstände oder gar die Welt und die Gesellschaft. Dort bist nur du. Du mit all deinen automatisierten Gedanken, Körperempfindungen und Handlungen. Du, wie du die Welt aufgrund deiner Programmierung wahrnimmst. Und so kommt es auch, dass Menschen zum Beispiel das Wort 'radikal' vollkommen falsch verwenden oder verurteilen. Ob das Absicht oder Zufall ist, spielt gar keine Rolle. Aber es ist doch interessant, dass ausgerechnet das Wort 'radikal' so fehlinterpretiert wird. Das passiert nur deshalb, weil es über viele, viele Jahre und Jahrzehnte falsch benutzt wurde. Nicht von dir, auch nicht von mir, sondern in den Medien. Du kannst das auch heute beobachten, wie plötzlich neue Worte auftauchen. Und innerhalb weniger Tage oder Wochen hat sie jeder gehört. Oft tauchen diese Worte mit einer falschen, assoziierten Bedeutung auf. Ein Beispiel aus meiner Kindheit. Ich habe das Wort 'Weib' oder 'Weibsbild' als Schimpfwort gelernt. Und wenn ich es benutzt habe, hat meine Mutter immer gesagt: "Na, also!" Und da war mir klar: "Das macht man nicht. Man darf dieses Wort nicht verwenden." Tatsächlich verwenden wir es ständig. Es heißt nämlich männlich und weiblich. Konsequenterweise heißt es auch Mann und Frau? Natürlich nicht. Es heißt Mann und Weib. Und meine Freundin ist nicht meine Frau, sondern mein Weib. Sie ist ja auch weiblich. Und da ich männlich bin, bin ich ihr Mann. Mir geht es dabei nicht um Wortklauberei oder ich muss mich auch nicht durchsetzen gegenüber dem allgemeinen Sprachgebrauch. Es ist nur absurd, dass ich das Wort 'Weib' als Schimpfwort kennengelernt habe. Es war kein Schimpfwort, es ist kein Schimpfwort und es wird nie ein Schimpfwort sein. Ein Mensch erwacht erst dann, wenn er diese Trigger genauer untersucht. Nicht als Kampf gegen andere oder sogar die Medien oder die gesamte Gesellschaft, sondern indem er sich bewusst macht, dass das ein programmierter Trigger ist. Meine Mutter hatte für diesen programmierten Trigger auch einen Ausspruch: "Na, jetzt aber!" Oder: "Na, also!" Das war nicht meine Mutter, die da gesprochen hat. Das war die Programmierung der Gesellschaft über die Medien. Und um diese Programmierung auflösen zu können, muss man bereit sein, radikal zu sein. Da kommt man nicht ran, wenn man nicht zur Wurzel geht. Denn jenseits der Wurzeln ist man überzeugt von seiner Meinung, die gar nicht die eigene Meinung ist. Man hat auch gar nicht mitbekommen, dass man nur eine bestimmte Auswahl an Meinungen präsentiert bekommt, die man dann übernehmen kann. Eine eigene Meinung hat man erst, wenn man radikal ist. Denn für eine eigene Meinung muss man alle Fremdmeinungen auflösen. Und das geht nicht durch Denken, sondern nur radikal an der Wurzel.