Alles Rationale lernst du über das Emotionale. Viele Menschen vertreten die irrige Auffassung, dass du das Emotionale vom Rationalen trennen könntest. Etwas, das man trennen muss, ist verbunden. Und es ist auch sehr einfach zu erkennen, dass es verbunden ist. Denn alles Rationale, das du gelernt hast, hast du in Anwesenheit von Emotionen gelernt. Es gab kein Lernen ohne Emotionen. Die müssen nicht unbedingt stark sein, besonders intensiv und nachhaltig wirken. Es können auch einfach ganz kleine Gefühle sein. Und selbst wenn gar keine Gefühle anwesend sind, was sehr schwierig ist, dann gibt es zumindest Sinneseindrücke. Viele Studenten können sich zum Beispiel an die Atmosphäre zurückerinnern, in der sie gelernt haben, in der Bibliothek, im Café oder zu Hause. Du hast das Rationale immer in Anwesenheit von Emotionalem aufgenommen. Das unterscheidet dich übrigens von der Maschine. Aktuell gibt es ja einige Menschen, die haben Angst davor, dass Menschen zumindest teilweise eine Maschine werden. Wenn jemand behauptet, er könne das Rationale vom Emotionalen trennen, dann sagt er genau das über sich selbst. Er behauptet damit, er könne eine Maschine sein. Und das ist ihm möglich, weil er in Abwesenheit von Emotionen Rationales lernen kann. Sobald du das verstehst, wird dir klar, dass du Rationales und Emotionales gar nicht trennen solltest. Wärst du damit erfolgreich, würdest du langsam, aber sicher zur Maschine mutieren. Und so stecken wir in einem Dilemma. Das, was wir früher noch glorifiziert haben, nämlich rational denken zu können, empfinden wir jetzt als bedrohlich. Alles, wovor wir Angst haben, ist also längst eingetreten. Wir können ja auch nur deshalb Angst davor haben, weil wir es bereits kennen. Vor tatsächlich Unbekanntem kannst du keine Angst haben, denn du kennst es ja nicht und weißt nicht, was es ist. Für Menschen, die das Rationale vom Emotionalen tatsächlich trennen können, haben wir übrigens einen Begriff. Wir nennen sie Psychopathen. Es ist also nichts, was wir anstreben sollten. Der Psychopath hat nur eine Sache perfektioniert: Er verdrängt alle Emotionen. Das macht er nicht bewusst, sondern das ist ein Effekt seines Traumas. Jeder von uns macht das zu einem gewissen Grad. Und eine unserer wichtigsten Aufgaben hier ist es, dieses Trauma aufzulösen, was bedeutet, die Verdrängung aufzulösen. Man könnte auch sagen, es handelt sich dabei um die Rückabwicklung der Trennung des Rationalen vom Emotionalen. Unbewusst ist das Rationale immer schon mit dem Emotionalen verbunden. Und wenn wir uns das bewusst machen, heben wir die Verdrängung auf. Die Verdrängung unserer Gefühle. Die Gefühle sind nie weg, die sind auch nie unverbunden. Sie werden nur von uns unterdrückt. Der Zustand purer Ratio ist also der Zustand von Trauma. Die Verbindung von Rationalem und Emotionalem ist unsere Menschwerdung.