Wenn du nichts hast, bist du nicht erpressbar. Die Erfahrung, nichts zu haben, fehlt den meisten Menschen. Deshalb fehlt ihnen auch die Erfahrung, nicht erpressbar zu sein. Nichts zu haben alleine reicht aber nicht. Du musst auch bereit sein, nichts zu wollen, um nicht erpressbar zu sein. Wenn du nichts hast und nichts willst, bist du unerpressbar. Die meisten Menschen tun dummerweise alles, um diesen Zustand zu vermeiden. Sie kämpfen ihr gesamtes Leben, um zumindest ein bisschen etwas zu haben. Sie sind damit, ohne es zu wissen, immer kurz davor, nicht erpressbar zu sein. Doch diesen Mangelzustand wollen sie unter keinen Umständen erreichen. Sie interpretieren ihn derart negativ, dass sie im Traum nicht auf die Idee kommen würden, ihn zu forcieren, ihn absichtlich auszulösen. Und natürlich bringt es nichts, einfach nur nichts zu haben. Nur dieser äußere Zustand sorgt nicht dafür, dass du nicht erpressbar bist. Du musst gleichzeitig tiefe Erkenntnisse haben. Du musst fühlen, wie sehr dich dieser Zustand, nichts zu haben, befreit. Du musst den Spruch "Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen" in dir fühlen. Sobald du es fühlst, weißt du, warum es diesen Spruch gibt. Bisher hast du über dieses Zitat logisch nachgedacht. Du konntest den Spruch rational nachvollziehen, aber du hast nicht gefühlt, wie erhebend es sich anfühlt, nichts zu haben. Und du hast nicht gefühlt, wie erhebend es sich anfühlt, wenn man dir nicht in die Tasche greifen kann. Ohne dieses Gefühl der Freiheit bringt dir die Erfahrung, nichts zu haben, leider nichts. Erstaunlicherweise ist dieses Gefühl viel befreiender als das Gefühl, sehr viel zu haben. Das bedeutet aber nicht, dass du nichts haben darfst. Dieses Gefühl der Freiheit kannst du überall mit hinnehmen. Diese Erinnerung, wie es für dich war, als du nichts hattest und dich frei gefühlt hast, kann dir gerade dann helfen, wenn du etwas hast. Es erinnert dich daran, dass etwas zu haben nicht ernst ist und dass das Gefühl von Freiheit immer wichtiger ist, als etwas zu haben. Als ich durch nichts haben Freiheit gefühlt habe und gemerkt habe, dass ich nicht mehr erpressbar bin, ist bei mir gleichzeitig die Idee von Rente weggefallen. Gleichzeitig habe ich auch die Möglichkeit ausgeschlagen, Sozialhilfe zu beantragen. Denn ich wollte nicht mehr erpressbar werden. Meine Freiheit war mir wichtiger, als etwas zu haben. Das war 2008 oder 2009 und ich bin seitdem in diesem Zustand geblieben. Dieser Zustand ist meine selbstverständliche Normalität. Dieser Zustand ist nicht spektakulär und er fällt mir immer erst dann wieder auf, wenn ich mit Menschen spreche, die nicht in diesem Zustand sind. Ich bin lieber bereit, alle so genannten negativen Konsequenzen hinzunehmen, als wieder erpressbar zu werden. Und für mich ist das nicht die Wahl des kleineren Übels. Denn ich habe ja erlebt, dass nichts haben die größte Freiheit ist. Es ist viel besser, als etwas zu haben und abhängig zu sein. Genau genommen ist es nicht einmal ansatzweise vergleichbar. Es ist der Unterschied zwischen einem Leben im Verstand und einem Leben frei von Verstand. Nichts hat mich in meinem Leben so sehr befreit, wie nichts zu haben. Und nichts hat mich so sehr darauf vorbereitet, etwas zu haben, wie nichts zu haben. Etwas zu haben macht nämlich erst Spaß, wenn du nicht abhängig bist davon. Wenn du es jederzeit wieder gehen lassen kannst. Denn dadurch bist du nie wieder erpressbar.