Die Grundlage für den Wunsch nach Macht und das Ausleben von Machtfantasien ist nicht Stärke, sondern Schwäche. Wir gehen fälschlicherweise davon aus, dass diejenigen, die Macht über uns und andere ausüben, stark sind. Die Grundlage für ihr Machtstreben ist aber nicht Stärke, sondern gefühlte Schwäche. Sie sind höchst verunsichert. Und diese Unsicherheit versuchen sie mit der Ausübung von Macht zu kaschieren. Sie wollen so erscheinen, als wären sie mächtig, weil sie tatsächlich ohnmächtig sind. Ein wahrhaftig Starker kann Schwächen zugeben. Gefühlte Schwäche kratzt nicht an seinem Selbstbild, weil er kein falsches Selbstbild von sich hat. Er kann sich selbst so betrachten, wie er ist, weil er sich selbst so fühlen kann, wie er sich fühlt. Er muss kein von seinem wahren Charakter verschiedenes, öffentliches Bild von sich abgeben. Und während wir solchen Betrachtungen anderer gerne zustimmen, nutzen wir das dahinterliegende Potenzial für uns selbst meistens nicht. Diese Betrachtungen gelten nämlich für uns im gleichen Maß. Wir alle üben Macht über andere aus. Das könnten wir uns näher anschauen. Und wir könnten es für uns lösen. Die Lösung beginnt entgegen der weitverbreiteten Meinung nicht damit, dass du alle Macht abgibst oder überhaupt keine Macht mehr ausübst. Die Lösung beginnt damit, dass du es wahrnimmst, fühlst und dadurch vor dir selbst zugeben kannst. Das ist der Beginn der Veränderung. Nicht der Aktivismus, der sonst gepredigt wird. Die meisten Spirituellen wissen, dass es sich von innen nach außen verändert. Und trotzdem verwenden die meisten Methoden, die von außen nach innen führen sollen. Das kann und wird niemals funktionieren. Wenn du deine Machtfantasien unterdrückst, kommen sie an anderer Stelle verstärkt zum Vorschein. Wenn du deine Machtfantasien absichtlich auslebst, hilft es dir ebenfalls nicht. Was hilft, ist deine Selbsterkenntnis. Deine Selbsterkenntnis muss dabei immer frei von Urteil sein, damit sie wirksam wird. Du musst dich selbst dabei ertappen, darfst dich dann aber nicht schlecht dafür machen. Diese Neutralität dir selbst gegenüber ist nicht dadurch zu erreichen, dass du dir innerlich sagst: "Na gut, ich habe mich jetzt ertappt. Pah, ist mir doch egal." Da hast du es immer noch nicht angenommen. Wenn du etwas annimmst, was du entdeckt hast, dann kann das durchaus erst einmal sehr peinlich sein. Und es ist vollkommen okay, diese Peinlichkeit, diese Scham im Körper zu fühlen. Wenn du mich bis hierher verstanden hast, dann bist du eine weitere Stufe tiefer gegangen. Denn damit ist auch klar, was diejenigen, die weiterhin Macht ausüben wollen und ihre Machtfantasien an anderen ausleben, tatsächlich nicht können. Sie können die Scham ihrer Kindheit nicht fühlen. Macht entsteht aus Kindern, die zutiefst beschämt sind. Macht ist ihr Kampf gegen die Scham. Und das ist auch der Schlüssel zum Umgang mit scheinbar mächtigen Menschen. Fühl das Gefühl, das bei dir ausgelöst wird, wenn ein beschämtes Kind vor dir steht. Versuche, nichts zu verändern. Fühl nur das Gefühl, das in dir ausgelöst wird, wenn jemand vor dir steht, der seine Ohnmacht und seine Scham mit der Anwendung von Macht verdrängen will.