Sei dir selbst gegenüber ehrlich, dann musst du es anderen gegenüber nicht mehr sein. Die einfachste und gleichzeitig schwierigste Form der Ehrlichkeit ist die Ehrlichkeit dir selbst gegenüber. Denn nur wenn du dir selbst gegenüber nicht ehrlich sein kannst, kannst du es auch anderen gegenüber nicht sein. Es ist also immer die Selbsttäuschung, die Lüge dir selbst gegenüber, die dazu führt, dass du auch andere täuschen und belügen möchtest. Selbst dann, wenn du andere belügst, ist die eigentliche Instanz, die du belügen möchtest, in dir. Du möchtest etwas nicht wahrhaben. Du möchtest nicht enttäuscht werden. Was nur bedeutet: Du möchtest dich selbst nicht enttäuschen. Deshalb willst du dir selbst gegenüber nicht ehrlich sein. Falls du das änderst und bereit bist, dir selbst gegenüber ehrlich zu sein, dich selbst zu enttäuschen, musst du nie wieder lügen. Jede Notwendigkeit einer Lüge verbrennt im Feuer deiner Wahrheit. Wir denken dagegen, wir müssten anderen gegenüber ehrlich sein. Wir müssten ihnen mitteilen, was wir fühlen, was wir von ihnen erwarten. Und vor allem, was uns an ihnen stört. Könnten wir das ehrlich in uns betrachten, dann wüssten wir, warum wir den anderen gegenüber ehrlich sein wollen. Es hat höchstens etwas mit künstlicher, oktroyierter Moral zu tun. Es ist nämlich überhaupt nicht notwendig, wenn du mit dir im Reinen bist. Denn dann weißt du auch, wen du am ehesten verändern kannst. Nämlich dich. Und dann weißt du auch, wenn du dich gerade nicht verändern willst. Dieses Recht musst du dann auch anderen zugestehen. Und du weißt, dass jeder nur bei sich selbst anfangen kann. Du merkst dann auch, dass du dem anderen nur deshalb mitteilen willst, was dich gerade stört, weil du deine eigenen Gefühle nicht fühlen willst. Das wären übrigens Gefühle, die aufkommen, sobald du klar bist. Wenn du weißt, dass du dich gerade nicht verändern willst, dann willst du es auch nicht vom anderen verlangen. Und dadurch wirst du ganz automatisch sehr klar. Denn dann gehen bestimmte Dinge nicht. Dann ist es notwendig, dich abzuwenden. Und so seltsam das jetzt klingt, aber vielleicht fühlst du es schon. Darauf haben die meisten Menschen keine Lust. Sie wünschen sich immer Klarheit, aber wenn sie dann da ist, hassen sie die Klarheit, weil die Klarheit auch bedeutet, Nein sagen zu können. Nein sagen frei von schlechtem Gewissen und auch ohne Konsequenzen. Du musst dein Nein nämlich nicht in die Zukunft projizieren. Das ist genau wie beim Ja. Es ist immer im Moment, niemals in der Zukunft. Die Ehrlichkeit dir selbst gegenüber ist einer der wesentlichen Schlüssel für Klarheit und Selbsterkenntnis. Nichts anderes hilft dir so sehr und nichts anderes ist so verdammt schwierig. Denn der Teil, der nicht ehrlich sein möchte, ist dein Ego. Das bedeutet, dass dein Ego etwas gegen Klarheit hat. Klarheit findet nämlich nicht innerhalb deiner Programmierung statt. Denn sie ist nicht begründbar. Du kannst sie nicht erklären. Du kannst sie nur fühlen. Außerdem vermischt sich das Gefühl der Klarheit ganz schnell mit vielen anderen subtilen Gefühlen deiner Programmierung. Was man darf, was man nicht darf, wie man sich verhält, wie man sich nicht verhält, wie es andere machen würden. Das Ego ist eine Art aufgesetzte Pseudomoral. Diese Moral ist nicht echt, sondern ausgedacht und aufgezwungen. Es gibt eine Moral jenseits deines Egos. Die ist echt. Die ist schon immer da und auch immer verfügbar. Diese Moral arbeitet nicht mit schlechtem Gewissen. Sie lässt sich auch nicht von anderen kontrollieren oder manipulieren. Sie ist das Ehrlichste, das es gibt. Immer im Moment. Immer spontan. Niemals auswendig gelernt. Sie ist nur dadurch zu erreichen, dass du ehrlich dir selbst gegenüber bist.