Spiritualität ist kein Lifestyle. In einer Welt, die auf Äußerlichkeiten fokussiert ist, wollen die meisten spirituell erscheinen, aber nicht spirituell sein. Spirituell bist du nicht, wenn du spirituell aussiehst. Spirituell bist du, wenn du erkennst, dass du noch nie etwas anderes warst. Ab diesem Zeitpunkt kannst du weiterhin alles sein und alles machen, was du vorher warst und vorher gemacht hast. Du musst nicht plötzlich alle lieben. Noch nicht einmal dich selbst. Du musst auch nicht alles annehmen und alles integrieren. Du kannst einfach so sein, wie du bist. Das ist die Freiheit von Spiritualität. Es hat nichts damit zu tun, wie du dich kleidest. Es hat nichts damit zu tun, wie du formulierst und sprichst. Es hat nur und ausschließlich mit deinem Inneren zu tun. Deine innere Energie überträgt sich auf jedes Wort und jede Bewegung. 99 % versuchen es umgekehrt. Sie versuchen, ihre Worte zu verändern. Und sie versuchen, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu bewegen, um ihr Inneres zu beeinflussen. Vor allem aber, um den Anschein zu erwecken, sie hätten sich innerlich geändert. Du kannst es einem Spirituellen nicht ansehen, ob er spirituell ist. Aber du könntest dich selbst entlarven, indem du realisierst, dass du gerade darüber nachdenkst, ob jemand spirituell ist oder nicht. Ich habe einen Facebookpost gelesen, in dem sich die Autorin über einen Lehrer aufregt, der sich über einen anderen Lehrer aufgeregt hat. Das ist lustig, Denn während die Spiris die ganze Zeit sagen, dass jeder so sein darf, wie er ist, darf man es in einer bestimmten Rolle dann plötzlich nicht mehr. Ich hatte ja vor Kurzem das Zitat, dass die Esos und Spiris die Übergriffigsten sind. Du kannst es sehen, wenn dich Menschen plötzlich von ihrer Spiritualität überzeugen wollen. Sie sprechen dich dann einfach an und erklären dir, welchen Weg es gibt und der Weg ist sehr wahrscheinlich ausschließlich der einzige. Das machen sie ungefragt und ungebeten. Sie platzen einfach rein. Auch die Jesusanhänger sind wieder im Kommen. Und diejenigen, die dir erklären, dass du nur über Jesus zu Gott finden kannst. Die Moslems, die Hindus, die Buddhisten und noch ein paar andere mehr Religionen haben also ganz offensichtlich die Arschkarte gezogen. Das muss Blödsinn sein und der ist an sich sehr leicht zu entlarven. Aber wenn jemand sehr überzeugt auftritt, dann sind wir halt manchmal doch ein bisschen eingeschüchtert. Ein anderes lustiges Beispiel ist ein begnadeter Interviewer, der auch ein guter Unternehmer ist, weil er kein Risiko scheut. Ich wusste, dass er irgendwann einen auf Spiri machen wird. Und genau das ist jetzt vor Kurzem passiert. Er kleidet sich jetzt nur noch in Leinen und weiß und beige und verwendet jedes einzelne spirituelle Trendwort, das er irgendwie in seinen Sätzen unterbringen kann. Ich nenne das seit Langem Kopfspiritualität. Wann verstehen wir endlich, dass die äußere Form nichts über das Innere aussagt? Ganz Instagram ist voll von gespielter Spiritualität, die keine ist. Dazu passt mein Lieblingszitat von Martin Uhlemann. Er hat geschrieben: "Niemand überwindet je sein Ego, der bekommt, was er will." Das muss man erst einmal verstehen und dann muss man es realisieren, dass es tatsächlich so ist. Dazu muss man sich selbst beobachten und nicht versuchen, irgendjemand oder irgendetwas darzustellen. Auf Instagram trendet übrigens gerade auch der Hashtag "Gefühle fühlen". Ich kann dir nicht empfehlen, danach zu suchen, auch wenn du das jetzt aus Neugierde vielleicht tun wirst. Die Kopfspiritualität nimmt der Spiritualität alles Heilige, alles Intime, alles Echte und Authentische. Sie funktionalisieren alles, denn sie wollen ja Kurse verkaufen. Und das wollen sie nur deshalb, weil sie sich nicht vorstellen können, dass sie Geld verdienen, ohne solche Kurse zu verkaufen. Da ist also ihre Vorstellungskraft außerordentlich stark eingeschränkt. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass es einerseits schwieriger ist, andererseits aber auch viel natürlicher. Ich muss nie wieder in meinem Leben irgendjemand etwas vormachen. Ich will nicht erscheinen. Ich will nicht in den Worten sprechen, in denen andere sprechen. Ich will nicht aufgrund meiner Kleidung als spirituell erkannt werden. Ich will überhaupt nicht als spirituell erkannt werden. Ich bewege mich wie jeder andere Mensch auch in dieser Gesellschaft. Es gibt kein gesellschaftliches Ziel, das du erreichen kannst. Du kannst einen Kaffee bestellen und dabei kein Arschloch sein. Das ist natürlich eine Möglichkeit. Aber manchmal gibt es Tage, da bist du beim Kaffeebestellen ein Arschloch. Und dann ist es nicht spirituell, dir vorzunehmen, nie wieder ein Arschloch zu sein. Sondern das zu fühlen, was du fühlst, wenn du ein schlechtes Gewissen hast, wenn du Scham fühlst, wenn du dir Gedanken machst: "Oh Gott, warum war ich gerade so schlecht drauf?" Und dann entgegen der ganzen bescheuerten Ratschläge, die du bekommst, das nicht zu reflektieren. Denn das hält dich von der Spiritualität ab. Das Nachdenken, das Grübeln, das Überlegen ist der Teil in deinem Leben, der nicht spirituell ist. Und das kannst du jetzt auch wieder falsch verstehen und du kannst jetzt denken: "Ah, Mist, ich darf also nichts mehr denken." Das habe ich nicht gesagt. Es geht um Denken als Hirnfick. Und wenn du spirituell bist, dann geht sogar das.