Spiritualität ist Weltbilderschütterung. Statt aber unser Weltbild erschüttern zu lassen, bauen wir gleich ein neues. Das ist gerade und vor allem in der Spiritualität so! Wir tauschen ein Weltbild gegen ein anderes aus. Spiritualität ist aber nicht die Entwicklung eines neuen Weltbildes, sondern die Erschütterung deines Weltbildes. Es ist nicht dazu da, damit du ein neues Weltbild entwickelst oder von anderen übernimmst, sondern es ist für die Erschütterung da. Das Beste ist konstante Weltbilderschütterung. Nur so erkennst du, dass es außerhalb von dir keine Sicherheiten gibt. Wenn du stattdessen dein altes Weltbild mit einem neuen ersetzt und das ist jetzt dein spirituelles Weltbild, dann hast du einfach dein Weltbild geändert und es wurde gar nichts Wesentliches erschüttert. Du hast nicht gelernt, einen 360-Grad-Blick zu bekommen, sondern du hast die Scheuklappen von einem Bereich in den anderen verschoben. Ja, du hast was Neues kennengelernt und von dem bist du jetzt genauso überzeugt wie von dem Bisherigen. Es gibt für die meisten Menschen nichts Wichtigeres als ein stabiles Weltbild. Das stabile Weltbild gibt ihnen die Illusion von genereller Stabilität. Das ist eine Stabilität, die es noch nie gegeben hat und nie geben wird. Es ist eines der größten Phänomene, dass Menschen ihr Weltbild ungern erschüttern lassen, ganz egal in welchem Bereich. Der Historiker und Soziologe Eugen Lemberg hat das mal ganz wunderbar beschrieben. "Dem Menschen ist die Stabilität eines auf welche Art immer zustande gekommenen Weltbildes so wichtig, dass er für sie allerlei Kräfte mobilisiert. Neue Informationen, die mit dem einmal gewonnenen Urteil oder Bild im Widerspruch stehen, stören dessen Eindeutigkeit und Sicherheit und werden darum instinktiv abgewehrt. Selbst wo solche Informationen etwa aufgrund von Augenschein unwiderlegbar sind, versucht man sie als Ausnahme zu werten, nur damit das ursprüngliche Vorurteil beibehalten werden kann." Die meisten Menschen sind mit ihrem Weltbild so stark identifiziert, dass sie es mit ihrem eigenen Leben verteidigen würden. Sie halten ihr Weltbild für ihre eigene Identität. Das ist vollkommen verrückt, denn man könnte ja beobachten, dass man sein Weltbild auch verändern kann. Also kann es nicht deine Identität sein. Es ist eine Überzeugung, also eine auswechselbare Idee. Überzeugungen sind niemals deine eigene Erfahrung, sondern übernommene Ideen. Übernommene Ideen sind der wesentliche Bestandteil deiner Programmierung. Genauso verhält es sich mit dem Widerstand gegen übernommene Ideen. Auch der Widerstand gegen Ideen ist ein Teil deiner Programmierung. Nur die Erkenntnis, dass deine Überzeugung übernommene Ideen sind, löst das Ganze auf. Dazu musst du gar nichts Weiteres machen. Es genügt zu erkennen, dass Weltbilder übernommene Ideen von anderen sind. Irgendjemand hat dir gesagt, wie es angeblich ist. Du hast es geglaubt und damit eine Überzeugung, eine Idee für dich übernommen. Pioniere, Abenteurer, Wissenschaftler und ganz allgemein gesprochen Schöpfer können sich nicht an übernommenen Ideen festhalten. Sie dürfen gar kein stabiles Weltbild haben, denn sonst können sie ihre Funktion überhaupt nicht leben. Auch Künstler mit festgefahrenen Weltbild sind keine. Und auch Philosophen und Psychologen dürften gar keine Richtung vertreten. Sie müssen äußerst flexibel sein in ihrer Haltung, in ihrem Denken und ganz generell in ihrem Leben. Und ja, nach dieser Definition gibt es dann 90 bis 99 % weniger Philosophen und Psychologen und Künstler und Abenteurer und Pioniere. Das reduziert sich dramatisch. Was dabei herauskommt, wenn Wissenschaftler und Künstler ein festgefahrenes Weltbild haben, konnten wir in letzter Zeit sehr gut beobachten. Und das war nicht das, was man von Künstlern und Wissenschaftlern erwartet. Wer so etwas von Künstlern und Wissenschaftlern erwartet, hat Kunst und Wissenschaft nicht verstanden. All diejenigen, die ich aufgezählt habe und noch einige mehr, sind nicht dafür da, um dein Weltbild zu stabilisieren. Sie sollten eigentlich für deine Weltbilderschütterung sorgen. Wenn sie das nicht tun, werden sie ihrer Rolle und ihrem Beruf nicht gerecht. Und da gab es auch einige spirituelle Lehrer, die komplett versagt haben, denen ein stabiles Weltbild wichtiger war als ihre eigene Weltbilderschütterung. Sie wollten auf der sicheren Seite sein, die es in Wahrheit nicht gibt. Bei ihnen fühlen sich diejenigen Menschen wohl, die die wegbrechende Sicherheit in einem stabilen Weltbild suchen. Das sind immer noch die meisten. Und das hat mit Spiritualität nichts zu tun. Denn Spiritualität ist kein eingefahrenes, festes System, sondern konstante Weltbilderschütterung.