»Jeder Meditierende ist lebensmüde.« Karl Renz Endlich habe ich mal wieder eine Aussage, die kontrovers und provokativ ist. Allerdings nur für den, der sie nicht versteht. Und solche scheinbar provokativen Aussagen werden leider von beiden Seiten nicht verstanden. Weder von denen, die sich dadurch provoziert fühlen, noch von denen, die dieser Aussage zustimmen. Um sie zu verstehen, darfst du dich als Allererstes nicht angegriffen fühlen. Und als Zweites musst du ein guter Beobachter sein. Kein guter Beobachter von anderen, sondern ein guter Beobachter deiner eigenen Erfahrungen. Die dazugehörige Erfahrung ist folgende: Wir wollen keine Schmerzen fühlen. Wir wollen uns nicht schlecht fühlen. Wir wollen uns gut fühlen. Und wir wollen unsere Gefühle manipulieren, falls wir uns schlecht fühlen. Wenn wir aus diesem Grund meditieren, dann wollen wir weg von hier. Deshalb kümmert sich auch eine komplette Coaching-Szene darum, wie es dir möglichst schnell sehr viel besser geht. Das ist immer Manipulation. Denn bevor du untersucht hast, wie denn dieser Moment jetzt gerade ist, willst du schon weg. Und der Coach will dich auch von dort ganz schnell wegbringen. Darauf basieren sein Erfolg und auch sein Selbstverständnis. Es wäre auch sein Versagen, wenn du anschließend sagen müsstest: "Mir geht es nicht besser. Ich fühle mich immer noch wie vorher." Auch Menschen, die nur das Gute und nichts Schlechtes fühlen wollen, sind lebensmüde. Müde vom Leben, so wie es tatsächlich ist. Mit Hochs und Tiefs. Für die meisten ist genau das auch der Zugang in die Spiritualität. Es ist der Grund, warum sie beginnen zu suchen. Wenn du dich ganz genau beobachtest, dann weißt du, dass das die Wahrheit ist. Und wenn es in deinem Fall nicht stimmt, ist es überhaupt kein Problem. Dann hattest du sehr wahrscheinlich einen anderen Grund und den könnte man als Hingabe oder Aufgabe bezeichnen. Wenn Menschen dann meditieren, weil sie von den schlechten Gefühlen weg wollen, hin zu den guten, dann kannst du eine weitere Sache bei dir sehr genau beobachten. Die Meditation ist wunderschön. Nach einer halben Stunde ist sie beendet und dann kommen die Kinder. Dann kommt der Partner. Dann kommt der Chef und dann ist es wieder das ganz normale Leben, zu dem wir dann Alltag sagen. Falls du es noch nicht gemerkt hast: Dieser Alltag ist nicht das, was wir behaupten. Dieser Alltag ist dein Leben. Welchen Wert hat es, wenn du dein Leben mithilfe von Meditation verdrängen willst? Du wärst gerne immer in diesem schönen Zustand, der nie enden soll. Und du willst nie wieder zurück in diesen Sumpf, den du Alltag nennst. Auch das ist lebensmüde. Du bist müde von deinem sogenannten Alltag. Also müde von deinem Leben. Mein Weg ist ein anderer und den kann ich dir auch empfehlen. Mir scheint nicht den ganzen Tag die Sonne aus dem Arsch. Ich habe kein Dauergrinsen in der Fresse. Ich muss es auch nicht künstlich machen. Ich muss nicht so tun, als ob. Und es gibt immer wieder ab und zu ein paar durchaus herausfordernde Situationen. Doch dadurch, dass ich bereit bin, sie zu erleben, wie sie wirklich sind, verändert sich ihre Qualität. Durch den Wegfall des Widerstandes zum sogenannt schlechten Gefühl darf es das erste Mal bedingungslos hier sein. Überleg dir dazu einfach mal, wie es dir geht, wenn du wo bist und eindeutig merkst: Du bist hier nicht willkommen. Und dann stell dir vor, du bist woanders und du hast das eindeutige Gefühl: "Hier bin ich richtig. Hier bin ich willkommen." Und genauso geht es deinen Gefühlen. Wenn sie willkommen sind, entwickeln deine Gefühle eine vollkommen andere Qualität. Du musst dann auch gar nicht mehr einschreiten, um die Gefühle zu verändern oder dich zu verändern oder die anderen zu verändern. Und das verändert dein gesamtes Leben.