Wir verehren die toten Dichter und Denker und verschmähen die lebenden. Wir feiern die Zitate der toten Dichter und Denker und ignorieren die Erkenntnisse der lebenden. Die Lebenden könnten wir noch fragen. Wir könnten nachfragen, wie sie es meinen. Die Toten können wir das nicht mehr fragen und wir sind auf unsere Interpretation angewiesen. Der Tod hat einen seltsamen Effekt, der uns oft gar nicht wirklich bewusst ist. Mit den Toten wollen wir nicht mehr diskutieren. Die lebenden Dichter und Denker wollen wir nicht nur fragen, wir wollen ihnen auch widersprechen. Oder wir wollen zumindest diskutieren. Als hätte das jemals etwas gebracht! Ich habe dazu ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit. Da habe ich ein Video angeschaut. Da wollte jemand einem anderen beibringen, dass man dem anderen nichts beibringen kann. Ist das lustig oder ist das lustig? Ich fand es extrem amüsant, weil er vollkommen richtig lag. Er hat gesagt: "Du kannst niemandem etwas beibringen. Du kannst die Meinung eines anderen nicht verändern." Und das stimmt. Aber der andere, mit dem er diskutiert hat, wollte das nicht verstehen. Und hat lustigerweise dagegen argumentiert und damit genau das bewiesen, was der eine meinte. Und so saßen die da zwei Stunden und haben sich gegenseitig beigebracht, dass man sich nichts gegenseitig beibringen kann. Ein weiterer lustiger Effekt, den die lebenden Dichter und Denker meistens persönlich erfahren, ist, dass ihnen gesagt wird: "Das hat einer, der schon tot ist, auch schon einmal gesagt!" Ach was! Das ist nichts Neues. Nee, mach Sachen. Alles ist nichts Neues. Es gibt diese Dichter und Denker, Philosophen, Lehrer, Meister — Nenn sie, wie du willst! — schon immer. Sie sind mitten unter uns. Und die meisten von uns erkennen sie nicht, weil sie die Lebenden lieber mit den Toten vergleichen. Und so nehmen sie den Lebenden ihre Kraft. Natürlich nicht den Lebenden selbst, sondern ihren Aussagen. Etwas wirken zu lassen, fällt uns nur bei den Toten leicht. Die können wir nicht mehr fragen und die können unserer Interpretation nicht mehr widersprechen. Das macht es für uns bequem und angenehm. Denn falls sie uns erschüttert hätten, als sie noch gelebt haben, ist das jetzt nicht mehr möglich. Das ist auch ganz praktisch, denn Erschütterung ist nicht so unseres. Davon hätten wir lieber weniger als mehr. Tatsächlich geschieht jede wesentliche Veränderung mit einer Erschütterung. Mein heutiges Zitat erinnert mich an das Zitat eines bereits toten Dichters und Denkers. Und zwar von Marshall McLuhan. Er hat gesagt: "Jede Gesellschaft ehrt ihre lebenden Konformisten und ihre toten Unruhestifter." Unruhestifter in der Vergangenheit finden wir scheinbar irgendwie ganz okay. Teilweise vielleicht sogar richtig cool. Aber jetzt hätten wir doch gerne Konformisten! Und auch wir passen uns lieber an, um nur nicht aufzufallen. So können wir in unserem stillen Kämmerlein vor uns hin sinnieren, was die Toten wohl gemeint haben und müssen uns nicht mit der Unruhe beschäftigen, die sie in unser Leben gebracht hätten, wenn wir sie lebend kennengelernt hätten.