Spiritualität ist das Ende der Sturheit. Ich meine damit nicht unbedingt all deiner Sturheit, aber zumindest eines Teils deiner Sturheit. Und vor allem einem Menschen gegenüber. Bei mir war es mein Lehrer. Ich konnte meine Sturheit meinem Lehrer gegenüber nicht aufrechterhalten. Ich wusste, dass er recht hat, vollkommen unabhängig davon, wie bockig ich gerade war. Das bedeutet nicht, dass ich allen Menschen gegenüber meine Sturheit und Bockigkeit verloren habe, aber meinem Lehrer gegenüber ganz sicher. Es gab keine Barriere mehr zwischen ihm und mir. Ich habe keine Barriere mehr aufgebaut. Das ist noch nicht einmal mein Verdienst. Das ist mir einfach so passiert. Ich habe das nicht gemacht. Es ist geschehen. Und während vieles durchaus schwierig war, das war immer einfach. Ich konnte meinem Lehrer gegenüber nicht stur sein. Ich habe auch immer gefühlt, dass mein Lehrer das niemals ausnutzen wird und dass meine Hingabe bei ihm gut aufgehoben ist, weil er nichts damit macht. Und da dieser Teil so einfach war für mich, dachte ich, allen geht es so. Und mir war das 18 Jahre lang nicht klar, dass es den meisten überhaupt nicht so geht. Ich dachte, alle erleben es genauso wie ich, weil es für mich so normal erschien. Welchen Sinn sollte es sonst haben, zu einem spirituellen Lehrer zu gehen? Wenn man nichts Neues über sich und über das Leben erfahren will, dann braucht man ihn ja gar nicht fragen. Sich mit jemandem zu treffen, um ihm zu sagen, dass man nicht seiner Meinung ist, ist das Überflüssigste, was man tun kann. Denn man wird diesen Menschen dadurch nicht verändern. Und man selbst ist ja auch absolut überhaupt nicht bereit, sich zu verändern, sonst würde man ja nicht mit dem Vorsatz hingehen, ihn von seiner eigenen Meinung zu überzeugen. Und daher kommt die Sturheit hauptsächlich von seiner eigenen Meinung. Und die kann nur aufrechterhalten werden, weil wir sie nie untersucht haben. Wir haben nie nachgeschaut, was unsere Meinung tatsächlich ist. Unsere Meinung ist nicht das, was wir glauben, dass sie sei. Unsere Meinung ist nämlich auch nur ein Glauben. Es kann auch ein sehr fester Glaube sein, dann ist es unsere Überzeugung. Was eine Meinung aber nie ist, ist eine Erfahrung. Und wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass ein spiritueller Lehrer eine andere, vielleicht sogar besondere Erfahrung als ich gemacht hat, dann brauche ich überhaupt nicht zu ihm gehen. Es hat schon seinen Grund, warum innerhalb der Gesellschaft die Meinung als so etwas Wichtiges angesehen und auch gepredigt wird. Damit du weiterhin deine Energie an Sinnloses verschwendest. Deine Meinung ist nämlich sinnlos. Es ist sinnlose Sturheit, Bockigkeit ohne Sinn. Aber deine Meinung ist etwas, womit du dich wunderbar identifizieren kannst. Dadurch bekommst du den Eindruck, jemand zu sein, der anders ist als die anderen. Und das wirkt für das Ego wie Magie. Es liebt die Unterschiede. Es liebt jemand zu sein, jemanden darzustellen. Und dazu musst du stur sein. Wärst du nicht stur, würdest du dich mit Menschen unterhalten. Sie würden dir von ihren Erfahrungen erzählen. Du würdest merken, dass sie dir etwas voraus haben. Du würdest versuchen, die Essenz ihrer Erfahrung zu integrieren, indem du selbst eine Erfahrung machst. Und wenn du dann weiterhin nicht stur bist, dann wirst du vielleicht Unterschiede feststellen. Aber du wirst auch die Gemeinsamkeiten in der Erfahrung finden. Die größte Sturheit, die wir an den Tag legen, ist die Sturheit unserem Leben gegenüber. Wenn deine Sturheit gegen die Erfahrung wegfällt, dann wird dein Leben automatisch stressfreier. Die größte Sturheit ist: So wie es jetzt ist, will ich es nicht haben. Das ist, was mit Ego gemeint ist. Ein Teil in dir, der sich vom Leben abspalten möchte. Dieser Teil ist nicht böse. Er ist stur. Er beharrt auf seiner Meinung. Ohne den Wegfall dieser Sturheit kannst du nicht spirituell sein. Oder besser gesagt, ohne den Wegfall der Sturheit kannst du deine Spiritualität nicht entdecken. Denn diese Sturheit steht dem im Weg.