Entweder verlässt du die Situation oder dein Ego. Beide Wahlmöglichkeiten sind hilfreich. Welche du bevorzugst, musst du selbst entscheiden. Die Situation zu verlassen ist nicht verkehrt. Aber wenn du dein ganzes Leben nichts anderes machst, als die Situation zu verlassen und keine andere Wahlmöglichkeit findest, dann kannst du dein Ego nicht verlassen. Dann bist du überzeugt, dass es immer an den anderen liegt, nie an dir. Einige Male stimmt das vielleicht sogar. Aber nicht immer. Und niemand kann dir sagen, wann welche Entscheidung die richtige ist. Eine Sache kann ich dir aber aus eigener Erfahrung sagen: Wenn du dich immer nur für eine der beiden Varianten entscheidest, ist irgendetwas faul. Selbst dann, wenn du nur noch ganz wenig Ego hast, wird es irgendwann einmal eine Situation geben, in der du die Situation verlassen musst, weil du merkst, dass dir die Situation nicht mehr gut tut. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die so weit sind und so frei von Ego, dass sie nie mehr eine Situation verlassen müssen. Wenn das der Fall ist, ist alles in Ordnung. Da kann ich gar nichts dagegen haben. Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass es unwahrscheinlich ist, dass du nie wieder eine Situation verlassen musst, auch wenn dein Ego schon stark abgebaut ist. Und selbst Menschen, die frei sind von Ego, verlassen immer wieder einmal eine bestimmte Situation. Sie merken es sogar viel früher, wann sie eine Situation verlassen müssen. Diese Entscheidung "Soll ich die Situation oder mein Ego verlassen?" ist nicht schlimm. Diese Entscheidung ist auch nicht gegen dich oder die Notwendigkeit dieser Entscheidung ist nicht gegen dich. Diese Entscheidung ist das eigentliche Abenteuer. Es geht auch nicht darum, dich nie wieder entscheiden zu müssen. Es geht darum, die Freude und die Freiheit in dieser Entscheidung zu finden. Außerdem kannst du damit experimentieren. Wenn du denkst, du solltest die Situation verlassen, kannst du bleiben. Und wenn du denkst, du solltest dein Ego verlassen, kannst du im Ego bleiben und umgekehrt. Es geht hier nicht um ein Urteil. Das Urteil ist nicht: "Wow. Super. Herzlichen Glückwunsch. Du hast wieder einmal dein Ego verlassen. Jetzt bist du weiter als zuvor." Und es geht verrückterweise auch nicht darum, dass du immer die Situation verlassen musst und dass das dann toll ist. Da werden jetzt viele Therapeuten ein Problem damit haben. Aber wenn das eine nicht stimmt, stimmt das andere auch nicht. Viele Therapien versuchen die Menschen wieder in ihre Kraft zu bringen, damit sie sich entscheiden können, damit sie zu sich stehen und damit sie Situationen verlassen können. Aber wie gesagt, wenn du nichts anderes machst, außer Situationen zu verlassen, kannst du nie üben, dein Ego zu verlassen. In der Situation zu bleiben ist auch eine Fähigkeit. Und aus dieser Fähigkeit kann unglaublich Schönes erwachsen. Das kann sich das Ego am Anfang gar nicht vorstellen. Ich kann es dir aber aus eigener Erfahrung sagen: Auch ich konnte es mir vorher nicht vorstellen. Und trotzdem habe ich erlebt, dass die Fähigkeit, in einer Situation zu bleiben und das Ego zu verlassen, nicht sofort, aber im Lauf der Zeit bereichernd ist. Es sorgt für Veränderungen, die du durch deine normalen, gelernten Aktionen niemals bewirken könntest. Du würdest das niemals erreichen durch Reden, Erklären, besser Kommunizieren, Therapie, Streit, ganz egal, was. Das, was entsteht, wenn du in der Situation bleibst und dein Ego verlässt, ist nicht absehbar, ist nicht beschreibbar und kann von dir auch nicht gemacht werden. Da kannst du auch keine schöne Instagram-Story anschließend darüber machen. Aber du fühlst, dass sich etwas verändert hat.