Du gibst dein Ego nicht für das Ego eines anderen her. Du machst das alles nur für dich. Nur dein Ego erzählt dir, dass es sich für andere aufgibt oder aufopfert oder abschafft. Als wäre es ein Vorteil für den anderen, wenn du kein Ego mehr hast! So nach dem Motto: Der Klügere gibt nach und dann ist der Klügere der Dumme, denn der Dümmere hat ja vom Klügeren profitiert. Es ist verständlich, dass das Ego so denkt und argumentiert, aber es ist nicht die Wahrheit. Denn wenn dein Ego stirbt, stirbt es nicht für andere. Es hat für andere überhaupt gar keinen Wert, wenn du egofrei bist. Wenn du dein Ego verlierst, wirst du nicht automatisch zum Mülleimer, den alle zumüllen können. Oft ganz im Gegenteil. Du hältst nicht jedes Mal die linke Wange hin, wenn dir jemand auf die rechte schlägt. Vielleicht wirst du großzügiger, vielleicht aber auch geiziger, weil die Großzügigkeit bisher ein Teil deines Egos war. Andere außer dir haben absolut nichts davon, wenn du dein Ego verlierst. Nur ein sich unterlegen fühlendes Ego kann auf diese Idee kommen, dass andere davon profitieren, wenn es verschwindet. Da sitzt das kleine bockige Ego dann in der Ecke und beschwert sich wieder einmal über die anderen. Dabei zerfließt es in Selbstmitleid und sagt sich: "Jetzt reicht's aber wirklich. Das kann ich jetzt so nicht mehr hinnehmen. Ich muss jetzt Grenzen setzen." Das ist der Grund, warum die Angebote zum Thema "Grenzen setzen" so gut ankommen. Sie zahlen auf dein Ego ein. Und dabei kommt sich dein Ego dann sogar noch spirituell vor. Das wäre fast lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Denn über diesen Mechanismus hält es dich gefangen. Es will nicht den Kürzeren ziehen und es will sich gegenüber anderen behaupten. Und es wird niemals verstehen, dass diese Idee von Behauptung auf einem falschen Verständnis beruht. Es denkt: "Die anderen sind übergriffig, deshalb muss ich mich behaupten. Deshalb braucht es mich." Tatsächlich ist es so, dass die anderen übergriffig sind, weil es das Ego gibt. Deins und das der anderen. Und weil auch die anderen ein Ego haben, geht das Ego davon aus, dass die sich ja dir gegenüber nicht anders verhalten werden, nur weil du dein Ego verlierst. Und deshalb lohnt es sich ja gar nicht, dein Ego zu verlieren. Das ist alles nichts anderes als innerer Ego-Trash-Talk. Dein Ego ist ein Perpetuum Mobile. Etwas, das es angeblich nicht geben darf. Es hält sich selbst aufrecht. Es findet immer das richtige Argument, warum es äußerst notwendig ist, warum es gebraucht wird. Und deshalb will es noch nicht einmal einen Test machen. Es will noch nicht einmal ausprobieren, wie es wäre ohne Ego. Denn es prophezeit dir die Hölle auf Erden, falls du es auch nur für eine Sekunde vergisst. Und so kommst du nicht in den Genuss eines egofreien Lebens. Und auch dabei gibt es ein Missverständnis des Egos. Egofrei ist dein Leben nicht, weil dein Ego komplett wegfällt. Das kann passieren, aber das kannst du nicht forcieren. Das kannst du nicht machen. Was du dagegen machen kannst, ist, deine Gedanken, deine Programmierung, also dein Ego zu ignorieren. Was du zusätzlich machen kannst, ist, etwas tun, das deinem Ego diametral entgegen läuft. Und dabei geht es nicht darum, dass du dadurch ein guter Mensch wirst. Auch das ein riesen Missverständnis des Egos! Die meisten Spirituellen denken, sie werden dann, wenn sie richtig toll spirituell sind, ein guter Mensch. Das ist nicht der Fall und das ist auch überhaupt nicht notwendig. Es geht im ersten Schritt nur darum, dass dein Ego einen kleinen Knacks bekommt. Du musst es nicht gleich im ersten Anlauf komplett zerstören. Das ist überhaupt nicht notwendig. Wenn du zum Beispiel jemand bist, der die ganze Zeit hilft, der ein ausgeprägtes Helfersyndrom hat, dann machst du einen ganz einfachen Test. Einmal, wenn es dich ganz stark dazu hinzieht, dass du jetzt wieder helfen musst, deine Hilfe anbietest, machst du es nicht und schaust, was passiert. Und umgekehrt: Wenn du jemand bist, der nie hilft, der sich immer drückt, dann machst du es einmal, dann bietest du einmal deine Hilfe an. Und in beiden Fällen beobachtest du, was geschieht, und zwar sowohl außerhalb von dir als auch vor allem in dir. Welche Gedanken und welche Gefühle tauchen in dir auf? Meistens schon, bevor du es machst, während du nur daran denkst, weil du es gerade planst. Das ist oft der Moment, in dem der Verstand schon komplett durchdreht. Und diese Gedanken kannst du beobachten. Diese Gedanken sind deine Programmierung. Sie sind nicht wahr. Es sind Vermutungen, Annahmen, Behauptungen und Fantasien, die eintreten können, aber in der Regel niemals eintreten. Und diese Programmierung ist so stark, dass du es erst gar nicht versuchst, obwohl du es dir gerade vorgenommen hast, es zu versuchen. Diese Übung wird von den meisten Menschen unterschätzt beziehungsweise besser gesagt, das Ego der meisten Menschen hasst diese Übung so sehr, dass es alles dafür tut, damit du sie vergisst. Vergiss sie nicht. Verdräng sie nicht. Mach es wirklich.