Trauma ist nichts anderes, als das, was wir erlebt haben, für normal zu halten. Um das, was wir erlebt haben, für normal zu halten, müssen wir uns anpassen. Und zwar sowohl geistig als auch körperlich. Normal bedeutet ja nichts anderes als gewohnt. Und gewohnt ist es, weil du dich daran gewöhnt hast. Hättest du das, was du in deiner Kindheit erlebt hast, noch nie erlebt und würdest du es jetzt zum ersten Mal erleben, es käme dir alles andere als normal vor, du wärst höchst irritiert und du könntest dich nur schwer daran gewöhnen. Wenn Menschen erkennen, dass normal gar nicht normal ist, dann gehen sie dazu über, von natürlich zu sprechen. Wir wissen aber auch nicht, was natürlich ist. Wir haben uns an so viel Falsches und Verkehrtes gewöhnt, dass wir nicht mehr sagen können, wo unser Ursprung liegt. Die Naturfans gehen dann einfach von unserem Ursprung als Höhlenmenschen aus und damit können sie genauso falschliegen, wie alles andere, woran wir uns gewöhnt haben. Denn die Geschichte vom Höhlenmensch ist genau das: Eine Geschichte, die wir gelernt haben. Es kann genauso gut sein, dass wir weiterentwickelt waren und jetzt gerade auf dem Weg zurück sind. Wir werden primitiver. Auch das ist eine Möglichkeit. Genau genommen ist Trauma also auch die Geschichte, die man dir über dich erzählt hat. Die Geschichte deiner Herkunft, die Geschichte deiner Ahnen, die Geschichte unserer sogenannten Evolution. All das ist genauso möglich, wie es auch unmöglich ist. Trauma ist eine Abweichung von unserem innersten Kern. Es gibt also keine Kindheit ohne Trauma. Denn es gibt kaum jemanden, der sich nicht von seinem innersten Kern entfernt hat. Diese Entfernung von uns selbst halten wir aber für normal. Alles, was wir erlebt haben, halten wir für normal. Würden wir es nicht für normal halten, müssten wir die ganze Zeit verzweifeln. Wir hätten es aber gar nicht so weit geschafft, dass wir verzweifeln können. Wir wären vorher an der sogenannten Normalität, die uns präsentiert wurde, zerbrochen. Damit das nicht passiert, müssen wir es für normal halten, indem wir uns daran gewöhnen. Das Trauma zu erkennen und nicht mehr für normal zu halten, ist der schwerste Prozess, den es überhaupt gibt. Denn wir haben einen automatisierten Mechanismus, der uns glaubhaft versichert, dass der Schmerz, der in uns existiert, mit unserer aktuell erlebten Situation und nicht mit unserem Erleben in unserer Kindheit zu tun hat. Wir projizieren unser Trauma in jeden einzelnen Moment. Da wir auch das für normal halten, kann es uns nicht auffallen. Wir sind viel zu überzeugt davon, dass das alles normal ist und dass alles an der aktuellen Situation liegt. Die meisten Menschen erkennen das ihr ganzes Leben lang nicht. Sie kämpfen ihr gesamtes Leben an den falschen Stellen und versuchen an den falschen Schrauben zu drehen. Sie wollen nicht daran erinnert werden, dass das, was sie für normal halten, überhaupt nicht normal ist. Es ist meistens sogar das Unnormalste und wir müssen uns vollkommen neu ausrichten, um herauszufinden, was für uns normal ist. Dazu müssen wir die Verdrängung beenden. Und das geht nur, wenn wir unsere Peiniger nicht mehr in Schutz nehmen. Denn auch unser Stockholmsyndrom ist vollkommen normal. Aber nur deshalb, weil wir uns daran gewöhnt haben. Heilung geschieht dadurch, dass wir diese Gewöhnung entnormalisieren. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern nur in kleinen Schritten, indem wir uns bewusst werden, was wir tatsächlich fühlen, was wir fühlen, wenn wir an unsere Kindheit denken, was wir fühlen, wenn wir an unsere Eltern denken, was wir fühlen, wenn wir sie treffen, was wir fühlen, wenn wir mit ihnen sprechen. Denn unsere Kapazität, unser Trauma sehen und bearbeiten zu können, wächst mit unserer Fähigkeit, unsere Körperempfindungen zu fühlen. Ohne diese Fähigkeit musst du weiterhin verdrängen, indem du denkst, das, was du erlebt hast, sei normal gewesen. Es ist nicht normal. Es ist dein Trauma.