Alles, was Kinder nicht durch Worte transportiert bekommen, müssen sie durch ihr Verhalten klarmachen. Das ist am Anfang alles. Sie haben keine Worte und deshalb müssen sie alles durch ihr Verhalten klarmachen. Sie müssen sich so verhalten, dass wir verstehen, was sie brauchen. Erst im Lauf der Zeit lernen sie Worte, die sie verwenden können, um uns zu sagen, was sie brauchen. Diese Worte bekommen sie von uns. Und bei diesem Prozess gibt es ein Problem. Sie lernen diese Worte von denen, die sich programmiert ausdrücken. Sie lernen Worte von denen, die diese Worte aufgrund ihrer Körperempfindungen sagen, die sie nicht fühlen wollen. Sie lernen also eine programmierte Sprache. Wenn die Kinder sprechen gelernt haben, können sie sich gar nicht ausdrücken. Sie können sich nur programmiert ausdrücken. Wir haben ihnen das so beigebracht, denn wir haben nur in Anwesenheit von Stress, Druck und allen anderen Gefühlen mit ihnen kommuniziert. Selbst wenn die Kinder jetzt sprechen können, sind sie immer noch darauf angewiesen, uns alles über ihr Verhalten klarzumachen. Und zwar selbst dann, wenn sie schon flüssig sprechen können. Wenn wir also ein Problem mit dem Verhalten von Kindern haben, dann müssten wir uns als Erstes fragen: Was könnten sie uns mit diesem Verhalten klarmachen wollen? Was wollen sie uns mit diesem Verhalten sagen? Stattdessen empfinden wir ihr Verhalten als verletzend, gegen uns gerichtet, widerspenstig, pubertär, trotzphasig und alles mögliche und unmögliche andere. Wenn Eltern ihr Kind zum Therapeuten bringen und ihm sagen: "Hier ist mein Kind, mein Kind hat ein Problem. Bitte lösen Sie das Problem!", dann weiß jeder gute Therapeut, dass er das Kind zum Spielen schicken kann und die Eltern da behalten muss. Das Kind versteht das, der Therapeut versteht das, nur die meisten Eltern verstehen das nicht, denn die sind fest davon überzeugt, dass sich ihr Kind seltsam verhält. Sie können sich nicht vorstellen, dass ihr Kind ihnen mit diesem Verhalten etwas zeigen will. Denn obwohl die meisten Eltern innerlich hochgradig verunsichert sind, bilden sie sich gegenüber dem Kind ein, die Wissenden zu sein, überlegen zu sein. Sie bilden sich ein, es besser zu wissen als das Kind. Und mit dieser arroganten Haltung bestimmen sie das Leben des Kindes. Sie bestimmen, was das Kind tun und lassen muss. Die meisten Eltern halten es gar nicht für notwendig, das Kind zu fragen, wie es sich Leben vorstellt. Die Eltern halten ja die Welt für real, in der sie sich selbst gefangen fühlen. Alles andere erscheint für sie unmöglich. Und die Kindheit halten sie für eine Zeit des Träumens und vielleicht sogar für eine Zeit des sinnlosen Träumens. Sie verstehen überhaupt nicht, was sie mit ihrem Verhalten beim Kind zerstören. Es ist eine verrückte Annahme von Wahnsinnigen, dass Kinder ihr Verhalten gegen Eltern richten. Kinder verhalten sich immer nur für sich. Sie versuchen, mit ihrem Verhalten etwas auszudrücken. In der Regel zeigen sie uns durch ihr Verhalten auch unser eigenes Trauma auf. Wenn nicht — unser Trauma wird im Kontakt mit Kindern trotzdem sichtbar, weil uns Kinder an unser eigenes Sein vor dem Trauma erinnern. Je mehr wir unser eigenes Trauma verleugnen und je mehr wir das Verhalten unseres Kindes als gegen uns gerichtet sehen, desto größer wird die Kluft zwischen Eltern und Kind. Dann geben wir unser eigenes Trauma einfach an die nächste Generation weiter. Das lässt sich nie komplett vermeiden. Aber wir könnten den Kindern einen besseren Start geben. Und zwar ganz einfach dadurch, dass wir verstehen, dass sie durch ihr Verhalten versuchen, etwas klarzumachen, dass dieses Verhalten nicht gegen uns gerichtet ist, sondern dass sie sich für sich selbst so verhalten. Und wir müssen verstehen, dass in Kontakt mit Kindern immer unser eigenes Trauma hochkommt. Wenn wir eines davon falsch interpretieren, interpretieren wir unsere Kinder falsch. Und wenn wir unsere Kinder falsch interpretieren, verwehren wir uns ihnen gegenüber. Sie haben es dann mit schwierigen statt mit wohlwollenden Menschen zu tun.