Das größte Hindernis für Spiritualität ist spirituelles Wissen. Spirituelles Wissen ist das Schlimmste, was es gibt. Es kann nämlich gar nicht existieren. Denn Spiritualität existiert und kommt nur aus dem Moment. Spiritualität kannst du dir nicht auswendig merken. Es hat keinen Wert, wenn du eine spirituelle Übung kennst oder spirituelle Weisheiten auswendig zitieren kannst. Da aber so viele spirituelle Anleitungen und spirituelle Bücher geschrieben werden, gehen die Menschen davon aus, dass sie Spiritualität genauso behandeln und abhandeln können wie jedes andere Fachgebiet auch. Doch das ist nicht der Fall. Spiritualität kann nicht so stattfinden, wie du es gewöhnt bist, sonst wäre es keine. Ich erlebe diese Barrieren zur Spiritualität ganz besonders in den Interviews. Die Interviewer stellen mir Fragen und sie stellen die Fragen, während sie sie selbst beantworten, um dann nachzufragen, ob ich es genauso sehe. Auf geschlossene Fragen gibt es keine offenen Antworten. Offenheit für den jetzigen Moment ist aber der Kern von Spiritualität. Wenn ich keine Frage habe, brauche ich auch keine stellen. Menschen, die als Experten anerkannt werden wollen oder denen es wichtig ist, auf Augenhöhe zu kommunizieren, können keine echten Fragen stellen. Ihnen ist der spirituelle Verstand ins Gesicht geschrieben. Ich sehe es und ich höre es an ihren Fragen, die sie mir stellen, um sie zuerst selbst zu beantworten. Sie haben ein festes spirituelles Weltbild und können echte Spiritualität überhaupt nicht wirken lassen. Echte Spiritualität wirkt im Moment und kommt nicht durch Erinnerung zustande, zumindest nicht durch die Erinnerung an Fakten, Zustände und Analysen. Die Interviewer wollen mir auf Augenhöhe begegnen und das zerstört die Begegnung. Das verhindert die Möglichkeit, dass etwas fließt. Ob ein Interview gut oder schlecht wird, weiß ich bereits am Anfang. Ich merke es daran, ob es einen Unterschied zwischen dem Vorgespräch und dem Beginn des Interviews gibt. Die meisten sind im Vorgespräch anders als im Interview und die meisten verstellen sich, sobald der offizielle Teil beginnt. Es gibt nur sehr wenige, bei denen es keine Diskrepanz zwischen dem normalen Gespräch und dem Interview gibt. Erst dann, wenn Menschen nicht mehr spielen, keine Rolle mehr spielen, nichts mehr darstellen wollen, können echte Gespräche stattfinden. Spiritualität ist eine schlechte Idee. Noch schlechter ist es, im Bereich der Spiritualität ein Experte sein zu wollen. Echte Spiritualität kann nur jenseits der Ideen über Spiritualität stattfinden. Dazu muss ich empfänglich sein. Dafür muss ich mich unterordnen können. Für die meisten Menschen ist das schon eine furchtbare Vorstellung. Selbstverständlich sollst du dich nicht allen und jedem unterordnen. Deinem spirituellen Lehrer musst du dich aber unterordnen, sonst funktioniert es nicht. Ich wollte mich, bis ich 30 war, absolut niemandem unterordnen. Und ich habe das auch nicht getan. Entsprechend oft habe ich mich gestritten und entsprechend wenig konnte ich empfangen. Ich hatte aber auch noch nicht die richtigen Menschen getroffen, für die ich empfänglich gewesen wäre. Bei meinem Lehrer hat sich das automatisch und ganz natürlich geändert. Ihm konnte ich mich bedingungslos unterordnen. Ich wusste, dass er immer Recht hat, weil dieses Rechthaben nicht auf der Ebene des Egos stattgefunden hat. Ich musste dazu den ersten authentischen Menschen in meinem Leben treffen. Mein Lehrer ist bis heute einer der wenigen authentischen Menschen, die ich überhaupt kenne. Vor allem aber hat er eines nie gemacht: seine Position ausgenützt. Dazu braucht es aber jemanden, der das erkennt, der das sehen kann, der es fühlt. Es braucht den Schüler, der die Perfektion sehen kann, im anderen, im Lehrer. Ohne diese Fähigkeit gibt es keine Spiritualität. Ein guter Lehrer nützt das nicht nur nicht aus, er hat noch nicht einmal etwas davon. Ein guter Lehrer greift nicht auf spirituelles Wissen zurück. Spirituelles Wissen ist für ihn maximal Beiwerk. Ein spiritueller Lehrer reagiert pur und ohne Vorwissen auf diesen Moment.