Jeder Fühlende ist auch ein Sehender. Solange du nicht bereit bist, alles zu fühlen, kannst du auch nicht alles sehen. Nicht weil du es nicht sehen kannst, sondern weil du es nicht sehen willst. Das bedeutet, dass du es zwar siehst, aber du siehst nicht das, was es ist. Du siehst das, was du interpretierst. Und du interpretierst, weil du verdrängst. Die Interpretation ist eine Programmierung. Sie kommt nicht von dir. Sie wurde dir gegeben. Es wurde dir gesagt, was du siehst. Deshalb weißt du jetzt, was du zu sehen hast. Du traust dich auch gar nicht zu sagen, dass du etwas anderes siehst, weil dir die anderen nicht zustimmen würden, weil sie selbst das sehen, was sie sehen sollen. Du willst nicht alleine dastehen, also stimmst du in den allgemeinen Chor ein. Und der Grund, warum du nicht alleine dastehen willst, ist ein ganz einfacher. Du willst dich nicht alleine fühlen. Das ist aber keine Einsamkeit, über die du nachdenken kannst, sondern eine Körperempfindung, die du unter allen Umständen vermeiden möchtest. Deshalb suchen so viele Menschen auch dann wieder Gleichgesinnte, wenn sie etwas Neues erfahren haben, wenn sie etwas Neues sehen können. Sie wollen dann die Bestätigung wieder von anderen und sie wollen andere davon überzeugen, damit sie ihr eigenes neues Weltbild wieder bestätigt bekommen. Wir tun so, als könnten wir ein Weltbild nicht als einzige haben. Wir meinen immer, wir brauchen andere dazu. Gleichzeitig sagen uns die Spirituellen doch die ganze Zeit, dass wir einmalig sind, jeder ein Individuum. Und wenn du dir dann anschaust, woran sie glauben und welches Weltbild sie haben, dann merkst du, so individuell ist das gar nicht. Sie bewegen sich im gleichen oder ganz ähnlichen Einheitsbrei und sie trauen sich überhaupt nicht, ihre Individualität zu leben. Was eben gar nicht bedeutet, dass du andere überzeugen musst von dem, was du glaubst, oder auch von dem, was du siehst. Wenn du Neues sehen kannst, dann bedeutet das, dass du sehr viel gefühlt hast, vor allem dann, wenn du das Neue sehen kannst, ohne Panik, ohne Angst und ohne es den anderen oktroyieren zu wollen, wenn du niemanden mehr überzeugen willst, weil du selbst überzeugt bist. Ein neues Weltbild musst du als Allererstes fühlen können. Du musst die Kapazität entwickeln, alle Gefühle zu fühlen, die mit der Erkenntnis dieses neuen Weltbildes einhergehen. Jemand, der diese Gefühle nicht fühlen kann, kann gar kein entspanntes neues Weltbild entwickeln. Der hat dann vielleicht neue Ansichten und neue Meinungen, lebt aber immer noch in der alten Welt, in der Angst und im Stress und im Streben nach Anerkennung. Das umfangreichste Wissen erschließt sich dir über deine Gefühle. Nichts ist so hilfreich beim Lernen von Neuem wie deine Körperempfindungen. Keine Bücher, kein Studium, keine noch so umfangreiche Theorie wird dir das an Wissen vermitteln, was du über deine Gefühle bekommst. Deine Gefühle werden dir im doppelten Sinn die Augen öffnen. Wenn du alles fühlen kannst, kannst du auch alles sehen.