»Bald wird uns das Denken verboten, weil es die Gefühle der Dummen beleidigt.« Russische Redensart Es gibt aktuell eine Entwicklung. Immer mehr Menschen begründen den Ruf nach Gesetzen und ihren Wunsch von Verboten mit ihren Gefühlen. Da ich viel über Gefühle spreche, könntest du denken, ich fände diese Entwicklung gut. Tatsächlich ist sie alles andere als gesund. Es ist nicht der Job der anderen, sich um deine Gefühle zu kümmern. Es ist einzig und allein dein Job. Natürlich geht das, dass sich die anderen um deine Gefühle kümmern. Und so leben die meisten Menschen ja auch schon die ganze Zeit. Es ist nur nicht hilfreich. Es macht dich zum Opfer der Umstände und der anderen, die Gefühle in dir auslösen. Wenn jemand deine Gefühle beleidigt, dann ist es deine Aufgabe, diese Gefühle wahrzunehmen. Das bedeutet nicht, dass du dabei passiv bleiben musst. Denn ganz im Gegenteil zu dem, was die meisten denken, entsteht aus diesem Wahrnehmen der Gefühle eben keine Passivität. Zumindest nicht mehr als sonst auch. Vor allem kann es aber sein, dass du zum ersten Mal wahrnimmst, was du da fühlst, wenn der andere mit dir spricht und dass du auch entsprechende Konsequenzen ziehst. Diese Konsequenzen müssen nicht hart sein. Du musst niemanden bestrafen. Du musst es niemandem zeigen. Es genügt, wenn du dich abwendest. Das mag der andere als unhöflich interpretieren, aber es ist genau so gedacht. Denn wenn du intensivste, unangenehme Gefühle fühlst und nicht bereit und in der Lage bist, sie wahrzunehmen, musst du irgendwann gehen. Das ist die natürliche Reaktion. So ist es gedacht. Und wenn ich sage, dass du nicht bereit und in der Lage bist, dann meine ich das nicht negativ. Es gibt Situationen, in denen du nicht bereit oder nicht in der Lage bist, etwas vollkommen zu fühlen. Und selbst wenn du bereit und in der Lage bist, etwas vollkommen zu fühlen, kann es sein, dass du dich anschließend trotzdem abwendest. Der Wunsch, dass andere auf unsere Gefühle achten, kreiert unzählige hilflose Opfer. Und es sorgt überhaupt nicht dafür, dass es diesen Menschen besser geht. Das ist das Verrückte daran. Du wirst immer jemanden finden, der deine Gefühle beleidigt. Und dann bist du ihm wieder hilflos ausgeliefert und vollkommen von seinem Verhalten abhängig, ob er darauf achtet, dass du dich verletzt fühlst. So kann es nicht gedacht sein. Du kannst nicht den anderen die Verantwortung für deine Gefühle in die Schuhe schieben. So bequem das ist, so sehr ist es der falsche Weg. Es gibt nur einen einzigen Menschen, der für deine Gefühle verantwortlich ist. Und dieser Mensch bist du! Und mit 'verantwortlich' meine ich nicht, dass du dafür verantwortlich bist, sie zu eliminieren. Du bist dafür verantwortlich, mit ihnen umzugehen. Alles, was mit deinen Gefühlen zu tun hat, ist deine Verantwortung. Den Menschen ist gar nicht klar, wie sehr das Wahrnehmen der Gefühle Eigenverantwortung ist und wie sehr es zu ihrer Selbstermächtigung führen würde. Solange jemand Macht über deine Gefühle hat, bist du ihm hilflos ausgeliefert, während du gar nicht verstehst, dass du ihm diese Macht gibst. Erst wenn du diese Macht zu dir zurücknimmst, bist du wahrhaftig selbstermächtigt. Und das bedeutet im Umkehrschluss, dass die aktuelle Entwicklung zum Gegenteil führt. Sie führt zu Hilflosigkeit und Machtlosigkeit und macht dich zum Spielball der anderen. Und genau das ist ja auch das Ziel. Denn selbstermächtigte Menschen sind keine Sklaven mehr.