Wir flüchten unser Leben lang vor unseren Gefühlen und wenn sie dann endlich weg sind, unterstellen wir uns Empathielosigkeit. Wenn wir das erste Mal unsere Gefühle im Körper wahrnehmen, realisieren wir, dass wir die ganze Zeit vor diesen Gefühlen geflüchtet sind. Und wir fühlen unsere Gefühle, damit sie weggehen. Selbstverständlich funktioniert das nicht und sie bleiben. Und wir denken dann: »Etwas funktioniert nicht.« Obwohl alleine die Erkenntnis, dass du bisher vor deinen Körperempfindungen geflohen bist, schon ein immenser Schritt ist. Falls die Gefühle dann doch einmal verschwinden, sagt uns unser Verstand, dass wir nicht intensiv genug gefühlt haben. Wir müssten länger fühlen. Und wenn die Gefühle im Körper länger wahrnehmbar sind, dann denken wir: »Es funktioniert nicht. Wir machen es falsch. Es verändert sich ja gar nichts.« Irgendwann verändert es sich dann doch und bestimmte Gefühle sind einfach nicht mehr da. Und dann zieht dein Verstand den letzten Joker, den er noch in der Hand hat. Dann unterstellt er dir Empathielosigkeit. Er verlangt von dir, etwas zu fühlen, weil das doch menschlich sei, weil alle etwas fühlen, weil du früher etwas gefühlt hast. Und es kann doch nicht sein, dass du so gefühlskalt bist, nichts zu empfinden in dieser speziellen Situation. Wie du es machst und vor allem, wie auch immer es ist, es ist nicht richtig. Du musst doch traurig sein! Du solltest doch glücklich sein! Was aber, wenn da einfach nichts ist? Du verdrängst nichts und trotzdem kommt da kein Gefühl. Jahrelang warten wir auf dieses Erfolgserlebnis. Und wenn es dann da ist, ist es wieder nicht gut genug, nicht richtig, nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Es ist irgendwie zu normal und zu neutral. Schließlich willst du deine Menschlichkeit nicht verlieren. Du willst kein gefühlsneutraler, gefühlskalter Roboter sein. Oder noch schlimmer: Du willst natürlich auch kein Soziopath und kein Psychopath sein. Aber du verdrängst ja nicht mehr! Es kommt einfach nur kein Gefühl in einer Situation, in der dein Verstand denkt und in der dir andere beipflichten würden, dass du ein Gefühl fühlen solltest. Du kannst deinen Verstand auf so unterschiedliche Weisen ertappen, dass es nie langweilig wird! Wenn du aufhörst, vor deinen Gefühlen zu flüchten, dann darf alles passieren. Sie dürfen hier bleiben und sie dürfen verschwinden. Das musst du und das sollst du auch gar nicht steuern, sonst fühlst du nämlich nicht. Gefühle fühlen kommt ja gerade ein bisschen in Mode. Du kannst es selbst auf Instagram beobachten. Und immer dann, wenn du liest oder hörst, dass sich etwas verändern soll, weißt du, dass sie nicht das machen, wovon sie sprechen oder schreien. Du fühlst deine Gefühle nicht, damit sie sich verändern. Du fühlst deine Gefühle, damit sich das erste Mal nichts mehr verändern muss. Dadurch verändert es sich tatsächlich. Und wenn es sich verändert, bist du weder empathielos noch sentimental. Denn es darf zum ersten Mal so sein, wie es für dich ist: Mit und ohne Gefühl.